MonoLoge

Posts Tagged ‘Quälgeister

Über Software-Updates

leave a comment »

Anekdote aus einer harmonischen Beziehung – 3

Morgens. Frau, vor sich eine große Tasse Kaffee türkisch gemischt mit Bio-Kakao, streicht dick Butter mehr  in als auf eine Hälfte ihres Morgenbrötchen, bevor sie es mit von andern selbstgemachter Marmelade belegt. Mann im Shorty, nur auch eine große Tasse mit Kaffee-Kakao-Gemisch vor sich.
Das alles ist völlig unwichtig, weil 1. ohnehin Routine und weil
2. Deutschlandfunk auf Updates für Diesel-Fahrzeuge einstimmt.

Frau: Haaach, Software-Update!, ich könnte auch mal so ein Software-Update gebrauchen –

Mann: Wozu das denn?

Frau: Frische, Motivation, Power – ich könnt den ganzen Tag schlafen oder -ja, weglaufen.

Mann: Was du meinst heißt Urlaub auf der Vulkaninsel Fuerteventura oder in einem Grandhotel direkt am Fuße des Ätna.

Frau: Ah, jaa, aber das geht nicht, weil ich, wie wir beide wissen, selbständig bin.

Mann: Genau, ungefähr so selbständig wie der Dobrindt.

Frau: Wahrscheinlich. Darum komm ich nicht selbständig auf Urlaub, sondern auf Update. Ob Dobrindt selbständig drauf gekommen ist, oder bloß, weil man in 10 Jahren nicht mehr wissen wird, wer der Kerl war, während wir in 10 Jahren wahrscheinlich sehr genau wissen werden, was wir waren?

Mann: Update, das ist ein Test, Stefanie. Wegen der Wahl im Herbst. Man will herauskriegen, ob die Leute glauben, mit einem Software-Update wird alles wieder gut. Die Hindu glauben auch an die reinigende Kraft des Ganges.

Frau: Wir haben doch eigentlich wahrscheinlich schon so viele Updates intus. Quasi gibts jeden Tag eins. Wir werden jeden Tag softwareupgedatet. Immer rauf auf die Hardware von allen Seiten mit Musike bis nur noch Pawlow rauskommt und dann die Amnesie. Wie heißt das doch gleich? Ja, Demenz. Die sich ja rasant ausbreitet. Kein Wunder.

Mann: Meinst du auch, die Hardware ist das, was früher die Kuhhaut war?

Frau: Oh-ja. Wenn wir uns mit einer umweltfreundlichen Zeitmaschine 30 Jahre zurückversetzen könnten und wir würden unsere Software von damals mit der von heute vergleichen, wir würden sie nicht wiedererkennen.

Mann: Klar, wir würden uns wahrscheinlich auch über die Hardware wundern – vorm Spiegel.

Frau: Die Hardware ist nunmal systemrelevant, alternativlos, nur eben leider nicht austauschbar. Aber damit das keine Rolle mehr spielt, wird scheinbar emsig daran gearbeitet, dass sie beliebig austauschbar ist; alles dasselbe eines Tages. Das hätte sie dann mit der Regierung gemeinsam.

Mann: Ja, aber was wär das für ein Segen für die Welt, wenn unsere Hardware ausgebaut und durch eine neue ersetzt werden könnte! Wenn wir unsere, die bewährte, Hardware verkaufen und exportieren könnten! Stell dir vor: die Exportweltmeister-Hardware, wo alles aufgespielt ist!

Frau: Du nun wieder.

Mann: Nee, wir haben doch Glauben. Und wir haben dazu passend hier ja auch quasi einen Gottesstaat. Was sich viele Staaten wünschen, woran sie intensiv arbeiten und was – du sagsts ja selber – unendlich viele Updates erfordert, ehe sie soweit ist: wir habens schon fertig da – samt Auto! Die Hardware mit einem Betriebssystem, in dem alles, alles eine Sache und Konsequenz des Glaubens ist.

Frau: Oder des konsequenten Nicht-Glaubens mit den entsprechenden Verteufelungen, und die aufgespielte Vorfahrt der Unschuld nicht zu vergessen.

Mann: Genau richtig. Woran man nicht anders kann als zu glauben, daran nicht zu glauben, das geht natürlich nicht.

Frau: Dafür hatten wir früher den Zweifel.

Mann: Ah-jaah! – brachte aber nichts, der Zweifel. Haben wir aufgegeben zugunsten dessen, was wir mit festinstallierter individueller Kompetenz zu glauben beschließen. Aufgegeben komplett mit allem Drum und Dran. Es bietet mehr Sicherheit zu glauben, dass bestimmt richtig ist, von dessen Richtigkeit oder Wahrheit man ganz persönlich überzeugt ist. Wenn das nicht so gut geht, gibts ja immer noch das Update zum Glauben der Mehrheit.

Frau: Das bringt aber noch keine Gewissheit.

Mann: Nee. Wenn Gewissheit verlangt werden sollte, dann gibts das nächst größere Software-Update zur Glaubensgewissheit.

Frau: Wie schön. Export unserer Hirne meinst du also. So erfolgreich wie unsere Autos. Deutsche Hirnhardware ein Statussymbol, den kompletten Begriff von Freiheit und Toleranz und der Glaube, damit durchzukommen, inbegriffen. Es bräuchte nur noch ein kleines japanisch/chinesisches Update hinsichtlich Verschleierung. Noch ist bei uns Verschleierung mehr spür- als sichtbar, wenn unsere Software ein Bedürfnis nach Atemschutzmasken weckt, was dadurch für eine harmonisierende Vielfalt der offenen Kasteiungen erreicht und sichtbar würde –

Mann: Na, das hätte erstmal in Frankreich längst kommen müssen. Das Ding hat nur einen Haken –

Frau: – hängt schon an einem Haken.

Mann: Leider ist die echte Hirn-, also Hardware-Amputation technisch noch nicht möglich. Da draußen müssen sie noch mit Opposition und Putsch usw. leben, da gibts noch keine Einsicht in die  Notwendigkeiten – was meinst du mit »an einem Haken«?

Frau: An einem Haken der Garderobe, wo man in bestimmten surrealistischen Theatern sein Hirn abgeben kann.

 

Written by monologe

3. August 2017 at 4:21 pm

FDP oder Der Kleine Klaus hälts nicht mehr aus

leave a comment »

Neben den Straßen an Bäume, Büsche, Maste, Stangen auf die Schnelle mit Draht angerödelt, angenötigt drei, vier übereinander: Wahlplakate.
Man sollte sich entweder nicht drum scheren oder sie genauer anschauen, auch das lohnt sich.

Eines der FDP, was, gemäß Plakat Baaschs »Mehr Gerechtigkeit für alle« über ihm, gerechterweise ausgeschrieben FriedeDenPalästen heißen müsste.
Diese Partei hat Aufwinde und bereits sogenannte Koalitionsaussagen getroffen. Das ist so, als ob der kleine Klaus ruft »Hüh, alle meine Pferde!« und erklärt, dass er sich auch den großen Klaus schonmal aussucht, dessen Pferde gut genug wären, vor seinen Pflug zu gehen.
Das Großspurige macht den Wählern stets Eindruck; wenn es schon bergab geht – pardon, bergauf, dann imponiert ihnen der SUV und Mehr Gerechtigkeit für alle – und warum nicht wie besoffen?

So wird es wohl geschehen und wahrscheinlich sein, dass dem Wahlvolk gemäß dem »Hessischen Landboten« entsprochen werden wird, wo es heißt »Friede den Hütten, Krieg den Palästen«, nur umgekehrt. Man muss es einsehen, was leicht fällt, denn nie ging es uns – pardon, Deutschland so gut wie heute.
Noch leichter geht das alles, seit man gefunden hat, dass die Neanderthaler auch schon genauso intelligent waren wie wir heute. Früher hat man sie für primitiv gehalten, aber nun – es ist nur eine Frage der Zeit gewesen.
Man hat vor Wahlen so Ahnungen – aber was Ahnungen angeht, da war der Neanderthaler uns sehr weit voraus.
Bei unsereinem reichts nur und geradeso zu der Ahnung, dass wir, im Gegensatz zum Neanderthaler, auch in ein paar Jahren nicht klüger sein werden. Und sprachlich, lieber Gott – doch dazu später.

Jedenfalls stammt der Mensch von Adam und Eva ab und der Beginn eines herrlichen darwinistischen Frühlings liegt vor uns –
Die großen Parteien scheinen das zu wissen, sie lassen riesige Wahlplakate aufstellen in der offenbaren Gewissheit, dass die »Menschen« die/den auf den größten Wahlplakaten wählen werden, die Stärksten selbstverständlich, die Vertreter ihrer selbst, ihre Identitäten, und das ist gewiss ein Anfang.
Frau Kanzlerin hält sich persönlich noch zurück, bis die Sorge um Schwäche aufkommt, dann wird genug Urvertrauen da sein, aus dem nur sie aufsteigen kann.
Wie sie z. B. neulich meinte, nicht die Arbeitslosigkeit besser ausstatten, sondern Arbeitsplätze schaffen. Die Altersarmen hat sie da nicht vergessen, die Ursachen hierfür – siehe Arbeitsplätze.
Da kann man doch staunen.
Wo es gar keine Ausstattung von Arbeitslosigkeit, kaum Renten, aber Niedriglöhne zu verdienen gibt, vorzugsweise in Deutschland, da ist bekanntlich das Problem der Arbeitslosigkeit behoben.
Vielleicht kann Deutschland Vorreiter sein in der EU, indem es die behebenden Lösungen für Arbeitslosigkeit, Armut und Faulheit mittels Modernisierung des Sozialstaates auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, den man Bulgarien nennen könnte, vorexerziert?
Freiheit, Gleichheit! Durch etliche Legislaturen schon fühlt besonders die FDP den Phantomschmerz in den amputierten Kompetenzen.

Nun, wie gesagt, es hängt von der FDP neben anderen eine gute Anzahl eines bestimmten Wahlplakates in der norddeutschen Tiefebene und lübeckischen Weltoffenheit herum, das nähere Betrachtung verdient.
Auf den ersten Blick bietet es eine willkommene Abwechslung zu jenem tumplumpen »Mehr Gerechtigkeit für alle« von und mit Baasch und seines Leibes Omen kraft SPD, indem das Plakat der FDP nicht viel mehr als Kopf und Hals des Abgeordneten Kubicki in insgesamt madonnenhafter halbprofilierten Nach- nein, Vordenkerpose zeigt, darüber geschrie – nein, gedruckt steht ”Wollen reicht nicht. Man muss es auch können.«
Die Mühe hat sich gelohnt, sauber ist es nun ausgedrückt.
Für gewöhnlich gehört Exkrement mit der Tüte aus dem Spender aufgenommen und entsorgt. Hier handelt es sich aber um die Power des Wollens aus dem Innern einer Partei, die »es« in einer druckvollen Verfassung vor der nächsten Wahl zumindest visionär auf den Punkt bringen muss.
Der Mops ist geradezu aufgeblasen damit, in die Küche zu wollen. Doch muss man es auch können.
Da weiß die FDP als bewundernswürdige Realistin, dass sie noch nicht weiß, was sie können muss, wenn sie könnte. Je nach Koalition.
Sie ist sich immerhin sehr bewusst, dass das Wollen all die Zeit bis jetzt nicht gereicht hat.

Man kann davon ausgehen, dass der Neanderthaler gute Gründe hatte, auf sowas gar nicht erst zu kommen, und wahrscheinlich deshalb, weil er ein ganz anderer Typus war.
Der Neanderthaler musste 1. über »Wollen reicht nicht« zwar gar nicht nachdenken, wusste hingegen 2., dass, wenn man schreibt »Wollen reicht nicht. Man muss es auch können«, sich dieses »es« nur auf das Wollen beziehen kann, somit nichts anderes bedeutet, als dass man das Wollen können muss.
Wäre der Neanderthaler auf sowas gekommen, hätte er es sich vermutlich verkniffen oder in Höhlenmalerei ausgedrückt, aber es ist genau das, was die FDP in aller Ehrlich- und Aufrichtigkeit sagen will – und kann:
Können zu wollen.

Written by monologe

7. April 2017 at 11:59 am

Trump in castellum

leave a comment »

»Die Menschen“, erklären uns unsere Politiker, »die Menschen haben Ängste. Ängste wegen der Globalisierung und Digitalisierung« (und die Globalisierung der Digitalisierung), »die Welt wird immer komplizierter, die Menschen fürchten Veränderungen, Kontrollverlust, sehen ihre Besitzstände in Gefahr, verlieren das Vertrauen in Politik, Demokratie und Rechtsstaat; man müsse sie ›mitnehmen‹« und so weiter und so weiter.
Das mag realistisch sein; wie richtig es ist, mithin wie falsch, das erfahren die Politiker allerdings nicht in den Städten tags und nachts.
Sie beziehen ihre Realität nicht von der Wirklichkeit.
Es ist die Wirklichkeit, in der stets nur »die Menschen« von den Tatsachen eingeholt werden.

Wie kompliziert die Welt tatsächlich ist, wieviele Ängste, Verunsicherung, Vorurteile, Visionen, Feindbilder, Theorien sich durchaus »entwickeln« können, welch irrationale, hysterische Reaktionen, Psychosen, Phobien, Ausfälle, Tiraden, Furcht vor Veränderungen, vor Besitzstandsverlusten, vor »Unberechenbarkeit« möglich sind, welche Furie auffährt, um sie mit all dem digital zu kollektivieren, davon überrascht (und natürlich »mitgenommen«, niemand, den man noch staunend stehen lassen wollte) sind »die Menschen« nun ausnahmsweise einmal von den Real-Politikern seit TRUMP gewählt worden ist, ja, seit die Chance bestand, dass er gewählt werden könnte.
Niemandem, keinem »Gefährder«, wurde in jüngster Zeit in Deutschland soviel Misstrauen zuteil, Vorurteil, an Wände geradezu mexikanischen Ausmaßes gemalte Teufel als TRUMP, niemandem schlossen sich Undichtigkeiten und Grenzen so dicht wie für ihn.

Heute nun wird er vereidigt und tritt »das Amt« an. Der Eifer der deutschen Berichterstatter hebt den Magen aus der Missstimmung.

Was immer kommen mag: das, was gewesen ist, ist es schon wert.

Written by monologe

20. Januar 2017 at 4:35 pm

Mit Schmerz und Pathos

leave a comment »

Ach ja, die Türkei. Schnauft durchs Dorf.
Auch da steht allerhand auf dem Prüfstand wie überall auf der Welt, wo die letzten Hemmnisse totaler Freiheit fallen, besonders die, die der totalitäre Islam sich nimmt zu ihrer Verhinderung, während die Christenheit so frei ist, die Waffen, die angesagte Söldner-Mode, die populäre Ballerkultur, die Größe, das mentale, weltanschauliche, geistige Rüstzeug, sogar die Bundeswehr-Ausbildung beizusteuern.

Bei uns in Deutschland haben es die Freiheiten naturgemäß schwerer gegen die Hemmnisse, die ihr der ihnen eigene freie Geist einstmals gesetzt hat.
Der scheint überholt.
Der rechte Mann am rechten Ort, wenn er die rechten Worte findet, hat es darum gelegentlich erstaunlich leicht, eine Beseitigung populär zu machen. Dafür ein Beispiel bot der Schauspieler und nun wahrhaftig Freisturmführer Schweiger, als er mit der Näselung seiner(?) Idee, das Abseits im Fußball abzuschaffen, spontan Beifallssturm auslöste: ›Was issen das für ne Scheiße mit dem Abseits? Weg damit und die Post geht ab!‹ so ähnlich hat er prognostiziert.
Und Recht hat er.

›Weg damit!‹ scheint nicht nur Schweigers Überholspur zu ziehen. Auch in der Türkei steht ein Abseits zur Disposition: das Abseits, in dem sich die Todesstrafe befindet, mithin das ehrbare henkende Handwerk.
Wirklich sind die entsprechenden Bedürfnisse derer, denen die sensiblen, waffenstarrenden Neuherrenmenschen im Kampf gegen das Böse und den Feind vorstehen und die Notwehr verrichtend vorangehen, übermächtig geworden, in den schwersten Stunden nicht unehrenhaft tatenlos, ja heldentatenlos daneben zu stehen.

Welt und Scheinwelt sind ohne das Totmachen kaum mehr denkbar, der Feinde sind Heerscharen, Totenkopf Folklore, die Knäste übervoll, Prügel, Folter, das Recht des Stärkeren, der Rufmord, die tödliche Beleidigung der Ehre sind Hochkultur, da kann der Staat kaum mehr hintanstehen, kurz, die Wiedereinführung der Todesstrafe ist, passend wie aufs Auge, überfällig und gottgewollt die natürliche Auslese.
Sie könnte, gefordert vom rechten Mann am rechten Ort, erstaunlich leicht einzuführen sein. Nur geht es nicht um den Geschmack an einer geilen neuen Rekordanzahl Toter in einem deutschen „Tatort“.
Eine so große Sache und Prüfung wie die Todesstrafe darf aus irgendeinem Grund nicht eine hochkandidelte Hochnasen-Kakasana mit einer seiner Gaumenfreuden erledigen, wie ›Was issen das für ne Scheiße, Todesstrafe verboten? Zum Henker mit den Hurensöhnen! Scheiß Menschenrechte! Fickt sie und ab geht die Post!, nein, die Einführung muss wie nachher das Henken selbst in einem heiligen Ernst in den Schoß der Demokratie gelegt und mit Schmerz und Pathos ausgetragen werden.

Erdogan, Präsident, hat also bestimmt, dass der Entscheid über eine Wiederinsfeldführung der Todesstrafe den Parlamentariern per Abstimmung über eine dementsprechende »Gesetzesvorlage« überlassen sein soll.
Vermutlich geschieht das in Respekt davor, dass man ja keine Diktatur hat.
Man will die Delinquenten halt umbringen, lebenslange Haft, Durchfüttern usw. genügt nicht.
Todesfälle, Abgänge nebenher, Erschießungen auf der Flucht, Selbstmorde, Epidemien, Brand- und Gewaltausbrüche im Gefängnis, Unfälle, Lebensmittelvergiftungen, wovon der Außenstehende nicht weiß, wie es sein kann und wers gewesen ist, jene all- und altbekannten besonderen Vorkommnisse im Umgang mit unberechenbaren, selbstmörderisch politischen, religiösen, ethnischen Widersachern, Abtrünnigen, Aufrührern, Separatisten, Verbrechern, Terroristen sind im kleinen Rahmen sicherlich kaum zu verhindern, bei größerem Aufkommen solcher bedauerlichen Einzelfälle jedoch können sogar an und für sich verbotene, unzulässige Zweifel an Glaubwürdigkeit und Seriosität aufkeimen.

Nach dem »Putsch«, auf den kaum jemand recht vorbereitet war oder gefasst schien (wie gewöhnlich bei Gottesgeschenken), muss und will man nun wohl auf das Allerschlimmste vorbereitet sein.
Niemand weiß, für wieviele Umstürzler, Volksfeinde, Beleidiger, Verräter, Untürken, Putschisten usw. in der nächsten Zeit die Todesstrafe unerlässlich werden könnte.
Auf unerwartet massenhaftes Aufkommen solcher Fälle heißt es vorbereitet sein. So hat der Präsident Erdogan vorausschauend für den Fall, die Staatsraison bekäme das Gefühl, die massenhafte Verhängung der Todesstrafe sei alternativlos, vorab deren konsequente Legalisierung ins Format demokratisch legitimierter, ordentlicher Hinrichtungen den Abgeordneten vertrauensvoll ans Herz gelenkt und gelegt.

Erdogan hat gemeint, er sei sicher, dass die Parlamentarier zustimmen werden, und man muss weder eine Kassandra noch ein Prophet sein, es als wahrscheinlich anzunehmen, dass die anständigen Türken dem »Gesetzentwurf« anstandslos zustimmen werden; auch die, die Todesstrafen in wessen Namen auch immer verhängen und vollstrecken dürfen, die Richter und die Henker, haben kaum je und nahe nirgendwo etwas dagegen gehabt.
Da kann man sich verlassen.
Die türkischen Abgeordneten könnten gewiss nicht zustimmen, wenn sie das Gefühl hätten, es werde sich um Mord handeln (dem hat Präsident Erdogan prinzipiell vorgebeugt, indem er etwa zum Thema Völkermord an den Armeniern mitgeteilt hat, dass Völkermord ein so schlimmes Verbrechen sei, dass es das türkische Volk nicht begangen haben kann).
Und Zustände wie in den westlichen Gefängnissen wird der türkische Parlamentarier auch nicht wollen.

Für die nachher von der Strafe Betroffenen und ihre Familien hat Erdogan keine Prognose.
Er kennt seine Pappenheimer. Tod, da wissen auch die, was man hat: für alle Beteiligten die ehrenvollste, beste, normalste, nachhaltigste Lösung.
All das ist für uns westliche Freunde und Verbündete natürlich beunruhigend.

Es bleibt nur zu hoffen, dass es kulturvoll zugeht, wozu sich Klaviesaiten besonders empfehlen.

Written by monologe

5. November 2016 at 6:53 pm

Die „Causa Böhmermann“

leave a comment »

Die „Causa Böhmermann“,
ein alter Hut, in dem der Staatsanwalt offenbar noch immer nicht das gefunden hat, was sich da herausziehen lässt, war nach Böhmermanns „Sendepause“ und der darauf folgenden Bekanntmachung seiner darin gewonnen Erkenntnisse als Kapitel für sich immer noch interessant.
In dieser nicht demokratisch, sondern von Böhmermann selbst frei gewählten „Sendepause“ sei, sagte er, „die Fresse“ zu halten das Schlimmste gewesen.
Das scheint die erste selbstschließende „Fresse“ auf dem Markt nach Einführung selbstschließender Kofferraumklappen.
Ja, die „Fresse“, Schnauze war früher. Nun kommt erst die Fresse, dann die Moral.

Böhmermann, zweifellos ein klassischer deutscher Kasper, ein Zyniker auf den Zynismus, der mit dem Format der FlachbildGuckkästen und der dazu passenden 2D-Dauerkirmes davor auch monströses Format angenommen hat, schleckt sich selbst die Satire allmählich heran. Aber ob Satire auf einen so äußerst beliebten und berühmten, singenden VollvolkSatiriker erlaubt ist?
Womöglich macht man sich damit genauso unbeliebt, ja, unmöglich wie mit Initiierung gewisser Resolutionen?

Der „Zeit“ gab Böhmermann ein Interview:
Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht„.
Man hätte meinen können, eine Kanzlerin, und besonders diese unsere, wackelt nicht. Sie hat auch nicht gewackelt, sie wurde Wachs vor der Beleidigung Erdogans, aber weichen vor Böhmermann werden beide nicht.
Es sieht vielmehr so aus, als ob allerhand Böhmermann wackelt, nicht nur, weil etwa Privatsender winken, sondern weil Böhmermann die Aura eines Wackeldackels hat wie Erdogan die eines Droschkengauls.

Die Freiheit, Meinung zu machen, und die, die man nicht gemacht hat, zu denunzieren oder zu unterdrücken, ist ein hohes Gut. Das sagen alle Medien.

„Filetiert“ worden zu sein war ein ganz falscher Eindruck Böhmermanns.
Zum Tee wird niemals Filet serviert, auch kein falsches.
Böhmermann ist ein RiesenScherzkeks und von der Kanzlerin wahrscheinlich gestückelt, vielschichtig, nicht filetiert, sondern in Scheiben geschnitten als Kalter Igel (auch Kalter Hund oder Kalte Schnauze) wie zum Kindergeburtstag dem „nervenkranken Despoten“ zum Tee serviert worden.
Das sollte Böhmermann übers AnscheißenWeilMansKann doch wissen: die Kanzlerin war so frei, Ansicht und Meinung des „nervenkranken Despoten“ zu teilen, ihm bei Tee mit kalter Schnauze aus Scherzkeks die Gelegenheit zu bieten, sich im Sinn des §103 innig beleidigt zu fühlen.
Sie hatte beschlossen, der Böhmermann soll auch was davon haben, gab ohne Wackeln nach und „ermächtigte“ den Staatsanwalt, mit der Beleidigung an der Hand hinabzusteigen in die Gruft, wo der Hund als Paragraph begraben liegt und die Majestät spukt.
Dort unten lässt sich für die neuen Gespenster der alten Geist beschwören, und wenn er vor ihnen erscheint, ist zu entscheiden, ob er reanimiert werden und wieder zupacken soll.
Es ist auch das durchaus ein satirisches Spektakel und gehört zum Gesamtkunstwerk.

Man darf annehmen, dass durch den §103 in Exzellenzen das Gefühl, eine Majestät zu sein und sich im Sinn des § als solche auch beleidigt fühlen zu dürfen, nicht nur gefördert, sondern erst geweckt wird, sich entfaltet und auffliegt, und dass dieses Gefühl von einer Größe ist, die alle etwaigen Gefühle (besonders eines „nervenkranken Despoten“ gegenüber der Freiheit eines Böhmermann, die Meinung zu haben, dass er etwas sagen dürfe, wenn er zuvor einräumt, dass ers nicht sagen darf und niemand sonst) mehr als entbehrlich macht.

Im übrigen kann weder Despoten noch Kanzler*innen irgendein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn sie den §103 auf Zuständigkeit für ihre Meinung von Hoheit und Majestät und als solche beleidigt worden zu sein überprüfen lassen, solange dieser § noch existiert und weil er existiert.
Noch vor ein paar Tagen schien dieser § zwar heute schon überflüssig, ein schneller, salomonisch weiser Beschluss bestimmte aber, dass er im Moment systemrelevant und alternativlos ist und erst 2018 abgeschafft werden soll.

Man denkt nicht darüber nach, einen Regierungssatiriker anzustellen.

Auch der Kaiser dürfte seinerzeit nicht im Traum daran gedacht haben, sich für den satirischen Ernstfall einen beamteten Gegensatiriker zu halten; die Bundesregierung hält sich bisher nur einen Deutschlandsender – oder dieser hält jene, alles ganz unverbindlich -, aber da gibts höchstens ein bisschen phrasierte Ironie und öffentlich-gestisches Getu für ein imaginäres Publikum, also die „Menschen “, die dankbar sind für jede emotionale MeinungsAnimation, aber es gibt keine Satiriker schmerzende GegenSatire.
Mit dem §103 hat die Bundesregierung nun immerhin etwas wie einen anachronistischen echten Schupo von der Sorte „Wenn Se wissen wolln, wat lustig is, sinds se bei mir jenau richtig – nee, det Denken überlassen Se mal den Pferden.“, der nichts kostet und den sie natürlich so schnell auch nicht loslassen will.

Sollte Böhmermann also zwei Jahre kriegen, dann wäre dieser § plötzlich und „unerwartet“ ein höchst erfolgreicher Paragraph, nicht nur deshalb, weil Böhmermann dann volle zwei Jahre „ Fresse“ und „Schnauze“ halten müsste, sondern hauptsächlich darum, weil dieser § anwendbar gewesen ist und darum nicht überflüssig sein kann.

Zu all dem haben Erkundungen ergeben, dass von einer Anzahl in Deutschland lebender Türken „im hohen dreistelligen Bereich“ gleich Erdogan Anzeige erstattet worden ist!
Was genau da angezeigt wurde – eine Beleidigung Erdogans?, dass man selbst beleidigt wurde? -, ist leichthin unbekannt geblieben, selbst Frau Will hat vermutlich in Rücksicht auf die seelische Verfassung des alter ego Beleidigten neben ihr gekonnt nicht nachgefragen wollen.
Doch bedeutet diese hohe dreistellige Anzahl von Anzeigen gegen einen Beleidiger Vervielfachung und Druck durch eine Art Treue, die in der Kaiser- und Blütezeit* des §103 in Deutschland unbekannt war und daher nicht erfasst werden konnte, denn man kannte seinerzeit nur Nibelungentreue.

Im aktuellen Fall wurde, falls jemand fragte, gelegentlich sogar die freie Meinung geäußert, es sei sogar das ganze türkische Volk beleidigt worden gemeinsam mit dem „nervenkranken Despoten“.
Warum also den §103 nicht gleich zuständig machen für ein Volk, wenn es sich als ego ihrer Hoheiten, Exzellenzen und Oberhäupter ebenso beleidigt fühlt? Es würde den Hoheiten die erniedrigende Mühe ersparen, die Anzeige selbst vorzunehmen.

Die Anzeige wegen Beleidigung ist für die Getreuen einer Exzellenz Majestät natürlich unvermeidlich, weil sie wissen, Ihre Exzellenz Majestät wird die Häupter seiner Getreuen im Ausland zählen.
Da möchte keines fehlen.
So ist zwar ebenso unvermeidlich, dass der Geheimdienst des Landes des Beleidigers Gelegenheit bekommt, die Häupter der jeweils 5. Kolonne zu zählen; doch ein Schelm, wer im Fall Erdogan an sowas denkt und vergisst, dass der Geheimdienst bei uns andere Sorgen hat.

Jedenfalls der §103 muss womöglich in Würdigung dieser Erdoganentreue novelliert werden.
Meint also sie*er, eine ihr*ihm in der fernen Heimat nahestehende Hoheit sei beleidigt worden und es handele sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die*der sollte frei die Anwendung des §103 fordern dürfen, genauso wie etwa Böhmermann Satire, Karikatur, Kasperstück zur Anwendung bringt in der freien Meinung, dass sein Werk ohne Zweifel eins von den dreien ist und eine Beleidigung im Sinn des §103 dadurch ausgeschlossen!
Das alles bildet eine moderne harmonische Echtzeit KulturEinheit und Bildung ist wichtig.

Nun Böhmermann ein deutscher Ai WeiWei? Ai WeiWei demnach ein chinesischer Böhmermann?
Zwischen einem, der zeigt, was man nicht machen darf, obwohl mans kann, und einem, der zeigt, was man machen soll, wenn mans kann – zwischen solchen besteht ein Unterschied wie der zwischen einem, der der Welt zeigt, was eine Harke ist, und einem, der der Welt zeigt, was eine Gießkanne ist.
Es gibt speziell für die Kanzlerin keine Möglichkeit, aus Böhmermann einen deutschen Ai WeiWei zu machen.

Zu einem Au WeiWei wirds vielleicht reichen – wenn die deutsche Satire alle Augen zudrückt.
Ein deutscher Kasper hat nur die Möglichkeit, die Rolle des Karagöz zu übernehmen – bestenfalls -, des TürkenKaspers, und als solcher dem Erdogan zu zeigen, was eine Harke ist.
Doch als Karagöz hätte er den Erdogan zitieren müssen.

Ein Kasper, gleich welcher Nationalität, ist stets aktuell und hat das Gedächtnis eines Elefanten, ohne das es bei der Satire nicht geht:
Vor gut einem Jahr hat Erdogan zum (wieder aktuellen) Thema „Völkermord an den Armeniern“ verkündet, Völkermord, das sei ein so schlimmes Verbrechen, dass es die Türkei gar nicht begangen haben könne.
Was bräuchte ein Satiriker Böhmermann denn für seine Fresse noch, als dass ihm eine Beleidigung Erdogans gleichwohl als ein so schlimmes Verbrechen erscheint, dass er es gar nicht begangen haben kann?

Aber Essig. Nun heißt es Tee trinkend abwarten, ob es der Böhmermann durchaus begangen haben kann.
Das, worauf er den Anspruch der Meinungsfreiheit erhebt, könnte eben gerade noch so durchschlüpfen. Mehr Anspruch hat es nicht.
Dass irgendein Gericht ein paar Zeilen von seinem Schmäh konfisziert hat, bedeutet auch nichts weiter, als dass Pferdefleisch aus einer Lasagne geklaubt wurde. Wenns nun noch immer spannend erscheint, wie der „Ermächtigte“ entscheiden wird – mehr könnte man nicht verlangen.

*Die „Causa“ bietet immerhin Anlass, an einen aus der Blütezeit der Majestätsbeleidigung zu erinnern, der nach Verbreitung zweier satirischer Gedichte auf Kaiser Wilhelm II (dieser 1901: „Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr.“), welche er auf dessen pompöse „Reise ins Heilige Land“ 1898 geschrieben hatte, zunächst nach Paris fliehen musste, aber schon 1899 nach Deutschland zurückkehrte und prompt wegen Majestätsbeleidigung zu einem Jahr Festungshaft verurteilt wurde.
Davon saß er bis zur Begnadigung ein halbes Jahr in der Festung Königstein ab:
Frank Wedekind (1864-1918).

Erstaunlich, wie aktuell er ist:

Des Dichters Klage

Schwer ist’s heute, ein Gedicht zu machen,
Darum läßt man es am besten sein;
Wenn die Menschen wirklich drüber lachen,
Sperrt man den Verfasser meistens ein;
Wenn sie sich jedoch in Tränen winden,
Dann verhungert schließlich der Poet,
Deshalb wird man es begreiflich finden,
Daß die Poesie zugrunde geht.

Niemand weiß die Freiheit so zu schätzen
Wie der Dichter oder Redakteur;
Wenn sie ihn in das Gefängnis setzen,
Schreibt er manchmal überhaupt nichts mehr.
Statt in die Geschichte der Kalifen
Oder in die Dame, die er liebt,
Seine schöne Seele zu vertiefen,
Fängt er Fliegen, wenn es welche gibt.

Ließe sich die Allmacht doch erweichen,
Die den Menschen mit dem Fluch bedacht,
Daß er immer über seinesgleichen
Witze, Dramen und Novellen macht!
Zählt die Zuchthaus-Jahre man zusammen,
Die von lyrischen Gedichten her
Und von ähnlichen Verbrechen stammen,
Ein Jahrtausend gibt es ungefähr!

In der Politik, das muß man sagen,
Geht ja freilich alles wie geschmiert:
Unsre Größe liegt der Welt im Magen,
Und damit man gänzlich nicht verliert,
Bleiben Schweine dauernd ausgeschlossen,
Weil man ohnehin genug versaut. –
Fröhlich schnarchen Mirbach und Genossen
Wie vorzeiten auf der Bärenhaut.

Schade nur, daß wir nicht vorgeschritten
In der Politik wie Rußland sind;
Unsre Leute muß man immer bitten,
Bis man ihnen etwas abgewinnt.
Dort hingegen braucht man nur zu sagen:
Liebe Kinder, macht die Börse breit,
Sonst wird euch der Kopf vom Rumpf geschlagen!
Käm‘ es endlich auch bei uns so weit!

War nicht Bismarck doch ein arger Stümper,
Daß er stets dagegen sich gesträubt?
Wolle Gott, daß nichts von seiner zimper-
Lichen Staatsraison am Leben bleibt!
Nichts als Nörgler hat er uns geschaffen,
Von dem kindlichsten Vertrauen voll;
Dabei stritt er sich sogar mit Pfaffen!
Ist ein solcher Mensch nicht grauenvoll?

Doch ich weiß uns Rat aus der Bedrängnis:
Laßt den Reichstags-Kasten nur in ein
Majestäts-Beleidigungs-Gefängnis
Umgebaut und umgewandelt sein,
Dann sind wir erlöst von allem Bösen;
Tierisch vegetiert des Volkes Sinn,
Und ich bleibe, wie ich stets gewesen,
Ihr devoter Dichter
Benjamin

+

Der Zoologe von Berlin

Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen
Einem Zoologen in Berlin!
Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen
Vor den Untersuchungsrichter hin.
Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,
Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet
Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,
Daß beleidigt er die Majestät.

Dieser sprach: »Herr Richter, ungeheuer
Ist die Schuld, die man mir unterlegt;
Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer,
Hat noch nirgends Ärgernis erregt.
Soweit ist die Wissenschaft gediehen,
Daß es längst in Kinderbüchern steht.
Wenn Sie das auf Majestät beziehen,
Dann beleidigen Sie die Majestät!

Vor der Majestät, das kann ich schwören,
Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
Ja, es freut mich oft sogar zu hören,
Wenn man den Beleidiger entdeckt;
Denn dann wird die Majestät erst sehen,
Ob sie majestätisch nach Gebühr.
Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,
Zweifelsohne doch ein Säugetier.

Ebenso hab vor den Staatsgewalten
Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt,
Auf Kommando oft das Maul gehalten
Und vor Anarchisten ausgespuckt.
Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,
Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.
Aber deshalb kann ich von den Schweinen
Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.

Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter,
Unbegrenzten menschlichen Respekt!
Läßt du doch die ärgsten Bösewichter
In Berlin gewöhnlich unentdeckt.
Doch wenn hochzurufen ich mich sehne
Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,
Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?
Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?«

Also war das Wort des Zoologen,
Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;
Und nachdem man alles wohl erwogen,
Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein jeder, wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung.

Tauberität und Maasfülle

leave a comment »

Dieses von CDU-Generalsekretär Tauber Gesagte war Anfang Mai erschienen:
Das auf dem AfD-Parteitag Diskutierte ist nicht konservativ, ist nicht patriotisch, ist nicht freiheitlich, sondern ist vor allem reaktionär und autoritär.[…] Die Haltung der AfD ist ausgrenzend“.

Das ist online nicht mehr auffindbar, stattdessen:
Die Debatten auf dem Parteitag zeigen: Die AfD will zurück in eine Bundesrepublik, die es so nie gab. Das ist nicht konservativ, sondern reaktionär

Vor zwei Tagen nun wurde von „Spiegel Online“, „ZEIT ONLINE“ und „Süddeutsche.de“ jeweils derselbe Artikel veröffentlicht, also vermutlich voneinander abgeschrieben, in dem zum gleichen Thema Justizminister Maas zitiert wird; die interessantesten Auszüge daraus:
„‘Die AfD – das sind Brüder im Geiste von Wladimir Putin, Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan: nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich’[…]
‘Unser Land hat eine trübe Vergangenheit, aber die Generation unserer Eltern hat ein modernes Deutschland geschaffen: weltoffen und liberal im Innern, gute Nachbarn und friedliche Partner nach außen. Natürlich ist unser Land nicht perfekt, aber eines ist klar – die Rechtspopulisten sind keine gute Alternative für Deutschland’ […]
‘Sie
(die AfD) muss sich an ihren Worten festhalten lassen. Das AfD-Programm ist der Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern’ […]
‘Statt die AfD zu dämonisieren, müssen wir die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihr führen.’ Allerdings sei es nicht einfach, ‘mit Menschen zu diskutieren, die Fakten ignorieren, überall ‚Elitenbetrug‘ oder ‚Lügenpresse‘ wittern und ihre Realität aus den Verschwörungszirkeln des Internets zusammenklauben’

Glücklicherweise ist unserem Maas der Begriff „Bauernfänger “ nicht herausgerutscht, obwohl die AfD, wenn man die Maas´sche Aufklärung richtig versteht, freilich genau solche am leichtesten fängt, die einen Liter Milch für unter 20 Cent verkaufen, obwohl sie davon nicht existieren können. Deppen, die sich die Realität aus ihrer Wirklichkeit zusammenklauben, könnten sich in ihrer Not von der SPD als Bruder im Geiste verlassen fühlen, die inhaltlichen Auseinandersetzungen satt haben, aus der Witterung von Ignoranz und „Elitenbetrug“ allüberall eine Tugend machen und folgerichtig die AfD wählen.

Es gibt Menschen. die nach der Aufklärung von Maas eine starke Bestätigung darin sehen, dass es besonders für diesen schwierig ist, mit Menschen zu diskutieren, denen jegliche „Zusammenarbeit“ verweigert wird, „die Fakten ignorieren, überall ‚Elitenbetrug‘ oder ‚Lügenpresse‘ wittern und ihre Realität aus den Verschwörungszirkeln des Internets zusammenklauben“.
In einer solchen Partei könnten sich gerade die Bauern wie zu Hause fühlen.
Und dass ihnen alle Schreckgespenster der Neuzeit (Kim Jong-un wurde sicher nicht genannt, weil er auch dabei sein wollte) als Brüder im Geist untergejubelt werden, wird sie nicht besonders schrecken. Die sind weit.
Die Bauern werden allerhöchstens fragen, was ist ein „Bruder im Geist“ eines Erdogan?

Davon abgesehen, dass man – im Geist – jedermanns*fraus Bruder*Schwester sein darf: ist das nun der wahre Erdogan oder Mittel zum Zweck, der verhetzten Meute den kürzesten Weg zu legen zum geistigen Bruder im Sinne von  „Haltet den geistigen Bruder!“?

Ja, halt!, sollte unserem Maas da in der freudigen Erregung – die Aufführung des Erdogan als geistiges Ideal ist ja nicht ganz ohne Reiz!
„…nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich […] Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern…“ – das muss man sich aus „Verschwörungszirkeln des Internets zusammenklauben“?

Maas hat ganz vergessen, „Islamfeindlichkeit“, „Islamophobie“ bei der AfD zu diagnostizieren.
Zwar hält er es nicht für nötig, seine anderen Befunde zu belegen, doch da er sichs nicht verkneifen konnte, als Bruder im Geiste der AfD unseren ehemaligen Freund Erdogan zu nennen, kann er in Folge davon der AfD nur sehr schlecht Islamfeindlichkeit attestieren. Denn damit wäre ja Erdogan – kaum auszudenken!
Aber Maas konnte einfach nicht widerstehen. Die AfD in die Nähe der aktuell dem Volke unsympathischsten Staatenlenker zu schieben, ja, geistig zu verbrüdern (Kim Jong-un ist vielleicht zu grotesk gewesen?) ist eine ultima ratio. Die letzte Hoffnung auf Erdogans, Putins, Trumps abstoßende Wirkung zu setzen war einfach zu verlockend, so sehr es den Maas verdrossen haben mag, die abstoßende Wirkung der Islamfeindlichkeit dafür opfern zu müssen.
Der Afd einerseits geistiger Bruder Erdogans, andererseits islamfeindlich-phobisch, das ist halt nicht gegangen.
Doch gibt es die begründete Hoffnung, dass die Freicorps der Wahrheitspresse durchaus den nötigen Ersatz leisten.

Natürlich ist nicht alles perfekt. Maas muss hoffen, dass wenigstens Putin, Erdogan und Trump in der Weise wirken, wie er sichs von ihnen erhofft. Wenn ja, wird er froh sein, dass es sie gegeben hat, die Lieben; lieben sollst du deine Feinde.

Dass der Maas den Erdogan nach dessen Popanzitierung als die rechte Backe derer hinhält, die durch jeden Dreck zu ihm gezogen werden, das ist natürlich nur zum Gebrauch für den gedachten guten Zweck bestimmt, ansonsten ist wohl auch das Satire, Kunst, denn es lässt sich ja leicht vorstellen, was es für ein Fressen für Erdogan wäre, wenn er findet, dass der Maas ihn ganz unsatirisch und nicht als geistiger Bruder Böhmermanns zusammen mit Trump und Putin als geistigen großen Bruder der AfD qualifiziert hat!
Da wird es dem Maas auch nicht helfen, dass er einen Kim Jong-un und die gesamte chinesische Führung ausgeschlossen hat (Castro zieht nicht mehr und Kaczinski? Ob der über die AfD für Erdogan als geistiger Bruder in Frage kommt, dessen war Maas sich offenbar schon vor drei Tagen nicht ganz sicher, und wirklich, gestern meldete die „Die Welt“: „Sängerinnen, Veganer und Psychologiestudenten gegen Kaczynski: Die polnische Opposition sammelt sich und plant einen langen Marsch. Die konservative Revolution ist ins Stocken geraten.“ Polen ist also noch nicht verloren).

Für die Gegner der AfD stellt sich nun erst die spannendste aller Fragen:
gehört die AfD nach allem, was man jetzt über sie weiß, zu Deutschland?

Es wurde außerdem gemeldet: Schäuble will die Steuern senken für die mittleren Einkommen.
Nach 1017.

Neues auch von der Kundenanimation: „#ImPerfekt“. Obwohl der Imperfekt out ist.

Eine Bombenidee für Berlin

leave a comment »

Jemand hat verkündet (natürlich in einer Illustrierten), guter Geschmack hemme Kreativität, oder so ähnlich. Das ist ein Forschungsergebnis, das ohne weiteres einen Nobelpreis verdient.

Schneller als gedacht wurde nun die Kreativität durch schlechten Geschmack vorgeführt: Galgen jeweils für Frau Merkel und Herrn Gabriel sowie eine Guillotine blutverschmiert wurde in Dresden während einer PEGIDA-Demo in der Menge hochgehalten.
Schildchen waren an die Galgen gehängt, zu lesen darauf, wem symbolisch einer zugedacht.
Die Kreativität der Geschmacklosigkeit lässt an den Strängen solcher Galgen eindringlicher noch gelegentlich auch Puppen baumeln. Das war in Dresden immerhin nicht der Fall, dennoch einhellig die Meinung, das sei geschmacklos.

Die Frage ist nun, was wäre geschmackvoll gewesen?
Hätte der gute Geschmack hier kreativer oder ebenso kreativ sein können?
Hätte guter Geschmack dergleichen nicht vielmehr unzulässig gefunden, verhindert, sodass uns nie zugetragen und gezeigt worden wäre, was wir jetzt sehn, hören, erleben müssen in diesem Land an Hass und Gegenhass, Bosheit, Gemeinheit und Niedertracht einträchtig?
Wie weit das hinunter geht, so abgrundtief kann sich niemand mehr schämen.

Aber nun haben wirs und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer Straftat.
Das wiederum hat eine weitere artverwandte Kreativinitiative gegen den Staatsanwalt ausgelöst.
Um die Courage des Zeigens des exekutiven geistigen Welterbes – nämlich Galgen und Fallbeil – vor dem zu bewahren, wovor ihr offenbar selbst das Fürchten kommt, hat man dem Staatsanwalt – so wurde gemeldet – mit einer auch für ihn schon geknüpften Schlinge, Erschießung, einem kommenden Tag der Abrechnung gedroht.

Da sollte man, das zeigt ein anderer Fall, ein scharfes Auge nun auf den Staatsanwalt haben. Er könnte Selbstmord verüben, besonders, wenn Depressionen erst hinterher erkannt werden.
Mit Nazis und Selbstmord gibts ja schon Erfahrungen.
In den 30er Jahren schon wusste der Berliner die Auskunft zu geben: Selbstmord hatta wohl jaja bejangen, ma weeß nur nich, wert jewesen is.
Ja, jenseits des schlechten Geschmacks heißt es mit Galgenhumor durchkommen.
Das muss man heutzutage kaum mehr, weil man meistens gleich weiß, wers nicht gewesen ist.

Schlechter Geschmack kann aber auch eine Kreativität freisetzen, die trickreich visionär von den bösesten Taten fernseherisch avantgardistisch vorauseilend einen Vorgeschmack erzeugt und womöglich auch eine Ahnung vom bitteren Nachgeschmack auf schicksalhafte Verkettungen menschlicher Umstände, unglücklicher Überforderung, erregendes Versagen, Kampf…
Das hat ein wahrer Brocken Kreativität des schlechten Geschmacks mit dem Titel „Unterm Radar“ im Wortsinn gezeigt, ein Science-Fiction, der am 14. Oktober 2015 (1. Kheshvan 5776 nach jüdischem Kalender) erstmals ins Weltall, den Äther und die Kabel alle ausgesandt wurde zu den TV-Geräten (die jetzt da hingehängt werden können, wo früher der Gobelin hing, der nur eine Szene zeigte: röhrender Hirsch im Tann, eine Szene, die es an Spannung zu überbieten gilt).
IMG_3638

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Seite 3:
Info: Die Produzentin Nicole Swidler erklärt: ‘Unterm Radar’ soll keinesfalls Ängste schüren. Vielmehr soll der Film zeigen, was geschehen kann, wenn der Staat falsche Methoden wählt, um Terror zu bekämpfen.

Unterm Radar kommen unbemerkt bekanntlich Tiefflieger durch, und so triffts der Titel ganz gut, indem diese Science-Fiction ohne aufzufliegen das Radar des guten Geschmacks ja unbemerkt passiert hat, im Schacht eine Bombe für einen fiktiven islamistischen Terroranschlag in Berlin.
Sie könnens nicht abwarten.
Man kann allerdings auch der Ansicht sein, dass Eile geboten ist.

Die Idee: die Bombe explodiert im Bus.
Die ist nicht interessant und noch weniger neu. Aber Gottseidank! Darauf mussten die Filmemacher nicht kommen.
Wäre zuvor noch nie und nirgendwo eine islamistische Bombe in einem vollbesetzten Bus zur Explosion gebracht worden, sie hätten eine solche Idee nicht zu haben gewagt, und wenn, dann höchstens um zu verfilmen, dass Andere sie hatten.
So aber ist es in der Ordnung, dass sie schon ausgeführt wurde, diese Idee, so hat der schlechte Geschmack sie als Chance begreifen können und ihre Verwirklichung in einer Filmtat kreativ nach Berlin verlegt zur Unterhaltung, eilends, bemüht um Frische der Ergriffenheit, des Abscheus, der Empörung  –
Denn die wichtigste Bedingung ist gerade noch erfüllt: die Verwirklichung der Idee Busbombe in Berlin erscheint glaubhaft und praktikabel, ja, sogar wahrscheinlich.

Bei der Entwicklung solcher Idee zum Film, für die Entwicklung des Films selbst, wäre guter Geschmack sicher hinderlich gewesen.

Ob der Film spannend war oder nicht, ist ganz unerheblich, spannend ist nun, ob und wann solch ein Anschlag ihm Recht gibt in punkto wie nah er dran war – wenn Wirklichkeitsnähe zu überhaupt irgendetwas berechtigt, außer, möglichst weit weg davon zu sein.
Freilich – der Film als Warnung! Ist es eine? Wovor? Vor was wäre wenn? Was sein könnte, solange es nicht war?, weils WOANDERS schon gewesen?

Als selbstverständlich setzt der schlechte Geschmack ja beinahe stets voraus, dass man anerkenne, er meints nicht so, er erschaffe eine Illusion nur von des bösen Traums Erwachen, den Nervenkitzel bloß von der Apokalypse, nicht sie selbst, Gott behüte!, nur zur Unterhaltung; er mutet seiner Umwelt bloß die Veranschaulichung der Möglichkeiten zu und bedeutet damit die Welt; dass man darin auch leben muss inklusive.
So ordinär einfach ist das.
Er kann darauf pochen, auf die Ideen des Irrsinns ein unschuldiges Anrecht zu haben.
Im Fall des Radars ist es ein Blick in die Büchse, bevor die Kugel herausfliegt.
Das interessiert die Öffentlichkeit, was alles geschieht für sie.

Der schlechte Geschmack müsste vor sich hin existieren, sich selbst genügen wie der gute, könnte er nicht an undenkbaren Ideen kreativ werden.
Er ist der Bruder dessen, der noch dabei gewesen ist bei den großen Katastrophen.
Er ist Führer zur Aussicht auf sie. Er trat in die Fußstapfen des geschäftstüchtigen Etappenhengstes, der je kolorierte Postkarten verkauft hat mit hübschen Motiven von der naiven, unversehrten Landschaft, in die er garantiert echte Katastrophen montiert hatte.
Vom Wahnsinn blieb ihm der Traum vom Glück, davongekommen zu sein, und schließlich die Idee, für die Phantasie aus der Methode das Unvorstellbare zu machen, die Katastrophe, das Grauen. Er ging kreativ um mit dieser Idee zu einem Schauplatz, wo sie Realität, ihre Verwirklichung am wirkungsvollsten gewesen war.
Die Idee der Vernichtung ist eine Grundidee. Ihre Scheußlichkeit ist unvorstellbar, das lohnt die Mühe ihrer Illusionierung.
Auf keine Art Bombenanschlag oder -abwurf gibts ein Copyright, auch nicht auf einen Bombenanschlag in einem Linienbus.
Die einen haben die Idee dazu, andere den passend schlechten Geschmack, der sie darauf bringt, sie dort unterzujubeln, wo man selbst davon noch verschont geblieben war und sich vermutlich zu Tode langweilt, den Guten, und sich eine Haxn heraus zu reißen, wie der Wiener sagen würde, aus a Bombn. Siggst, Ideen muss ma ham.
Man muss es ausdrücken, das Attentat, bevor, wie der Berliner sagt, die Kacke in escht am Dampfen is und es wirklich geschieht und der Übermut dahin wäre wie weggeblasen.

Immerhin neu dürften im besagten Film die frei erfundenen Verstrickungen ebenso frei erfundener Faktoten gewesen sein, die die barbarische Idee mit Leben und Leben lassen zu füllen hatten. Die Besten, wie immer.

Aber vielleicht hält solcher Film Attentäter ab? Vielleicht aus dem Grund der Ehre, die ihrer Idee mit der Verfilmung widerfahren ist, der Anerkennung, dass die Idee brauchbar war, ihr Ultimatum ins Leben zu bringen? Aus Frust vielleicht, dass ihnen bezüglich Reise der Idee nach Berlin jemand zuruft „Bin schon hier und hab ein Wiener Schnitzel bestellt!“?
Oder sie lassens bei der Spannung, der Drohung bewenden, weil sie eigentlich nicht so sind und ihnen das ja an und für sich genügt?
Aber vielleicht spornt es sie auch an, wer weiß?

Wie auch immer; Gruppe SILLY, Text von KARMA:
…du öffnest dir ´ne Dose Kompott – der Saft läuft auf das Laken – mein Gott! Sieh dich doch vor, sieh dich doch an, das schlürft und schleckt sich die Wunde ran! …