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Zeitreise durch Mecklenburg

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Bismarck soll von Mecklenburg gesagt haben, dass im Fall des Weltuntergangs in Mecklenburg die Welt erst hundert Jahre später untergehe.
Seitdem suchte Mecklenburg leichthin Anschluss an den Weltuntergang zu gewinnen, und man hätte meinen können, der Untergang Mecklenburgs hinke dem Weltuntergang statt hundert schätzungsweise nur noch zehn Jahre nach.
Kürzlich aber scheint man in Mecklenburg irgendwie digital zu neuen Erkenntnissen gelangt zu sein, wonach offenbar auch nicht mehr mit solchen zehn Jahre gerechnet werden darf, ehe die Realitäten in Mecklenburg ankommen und Wirklichkeit werden, sondern mit nur noch einer Verspätung von einem halben bis dreiviertel Jahr bzw. zwei Jahreszeiten!
Und so galt es wohl, rasch alles zu erfassen, was schneller als gedacht auf Mecklenburg zukommen könnte.
Zuallererst wird man sich bei zuständiger Stelle zur Sachlage Weltuntergang erkundigt haben, hat zwar Entwarnung bekommen, doch wenn kein Weltuntergang war, dann muss man mit allem sonst ja noch rechnen!

Die Erfassung aller Eventualitäten ist bei so geringer Verspätung allerdings ebenso unmöglich, wie auf jede erfasste vorbereitet zu sein. Da heißts Prioritäten setzen.
Und man scheint sich einig geworden zu sein, dass Mecklenburg jedenfalls von allen möglichen Ereignissen am besten auf ein mit der errechneten Verspätung realistisch um den 14. August herum in Mecklenburg auftretendes Blitzeis zeitnah und mit chirurgischer Präzision reagieren zu können vorbereitet sei.
So wurden Mecklenburgs Straßen also um den 14. August herum mit ein paar Tonnen grober grauer Art Mergelschotter gestreut.

Davon ausgehend, dass mit der aktuellen Verspätung am errechneten Tag sich auf (bestimmten?) Straßen Mecklenburgs ein Blitzeis vom vorigen Winter gebildet hat, ist die gebriefte Kolonne entsprechend zeitnah ausgerückt und hat reichlich ausgebracht. Es galt, entsprechend Herr einer derart verzweifelten Lage zu werden, dass die Behinderung des Urlauber-, Berufs- sowie Pendelverkehrs trotzdem in vertretbaren Grenzen gehalten werden musste.

Ob „flächendeckend“ gestreut wurde, ist ungewiss, aber hätten Sie, lieber Leser, zur fraglichen Zeit beispielsweise zufällig die Straße von Schlutup bis Grevesmühlen befahren, Sie hätten ein überraschendes kleines Wunder bar erleben können.
Besonders Sie, lieber Moped-/Motorrad-/Fahrradfahrer, die Sie wegen der Wetterunbilden im Winter bewusst nicht Moped/Motorrad/Fahrrad fahren, sondern nur im Sommer.
Da ist es sicherer.
Und Sie hatten gemeint, dabei auch auf alles gefasst zu sein?

Nun, man kann wohl auf alles gefasst, jedoch, wie auch Mecklenburg, nicht auf alles vorbereitet sein, und sicher nicht darauf, dass etwa die Strecke Schlutup-Grevesmühlen im Spätsommer mit kleinen Unterbrechungen beinahe durchweg über so ca. 38 km gestreut ist, also überraschend für Schönwetterfahrer simultan unter strengwinterlichen Bedingungen gemeistert werden muss.
Man ist  heilfroh,  gesund und unbeschadet ans Ziel zu kommen.

Warum gestreut wurde dürfte allerdings mit der Grund dafür sein, dass es zugleich unmöglich war, eben darüber nachzudenken: man hatte sich ganz auf die Aufgabe zu konzentrieren.
Für den Fall, dass Fahrzeugführer, besonders Kradfahrer (Motorradfahrer) nicht realisieren könnten, worum es geht, musste die Höchstgeschwindigkeit zur Überraschung auch für Eilige und besonders zu deren Sicherheit vorsorglich auf 30 bis 40 km/h begrenzt werden.
Das war nötig, weil ja Schnee und Eis fehlten und eine dennoch äußerst großzügig gegen Glätte gestreute Fahrbahn die Vernunft der Kraftfahrer an und für sich spontan zu allem Möglichen verleitet, nur nicht ohne weiteres zur Vorsicht.

Doch offenbar hat man sich verrechnet, das Blitzeis, der Winterhöllen-Angel war nicht aufgetreten und kommt vielleicht erst nächste Woche.
Oder man ist entgegen allen Berechnungen doch noch ein volles Jahr zurück und der Russe, äh, das Blitzeis kommt erst mit dem nächsten General?
Aber wie dem auch sein mag, was nächsten Winter kommen oder sein wird, weiß niemand.

Vielleicht wird auf Mecklenburgs Straßen, die diesen Sommer noch gegen Blitzeis gestreut werden konnten, im übernächsten Winter kein Winterdienst mehr möglich sein, weil nach Budget die Bezahlung der Köpfe der Straßenmeisterei kein Spielraum mehr lässt für die Bezahlung von Angestellten des niederen Streu- und Räumdienstes? Um „Achtung, kein Winterdienst!“ zu vermeiden wird Mecklenburg vielleicht der Zeit vorauseilen müssen und diesen Dienst womöglich privaten Firmen übertragen?
Eine „Wintermaut“ könnte erfunden und fällig werden?
Man wird es nehmen, wie es kommt, soviel scheint immerhin sicher. Und was, es wird ja immer auch etwas Angenehmes, eine Lösung, ein Ausgleich damit verbunden sein.

Hätte die private Winterdienst-Firma beispielsweise zugleich eine Geflügelfarm, dann ließen sich bei Straßenbenutzung Geflügel-Rabatt-Marken denken, hätte sie auch eine Bäckerei, Brot-Rabatt-Marken, eine Malaysia-Shopping-Fluglinie, dann Kolumbus-Meilen-Gutschriften, wäre es eine chinesische Firma, dann wären Gutscheine für all-your-can-eat in allem Ming-Tempeln und Yam-Palästen drin, was?, oder wenn es eine Briefkasten-Firma wäre, bekämen Sie vielleicht einen original Liechtensteiner Landbriefkasten oder sogar eine mail-Box mit automatischer Briefbombenanzeige, oder eine Gratis-XXLSommer-Packung-Fürst-Pückler-Amtsschoko-Erdbeer-Blitz-Vanille-Grundeis oder – die Flatrate…!, wer weiß?

Jüdischer Friedhof Prag – Teil IV und Schluss

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Der kleinsteinige Weg zum Dr. Kafka wird, sobald man an Hinweisschild und Lebensbaumbusch vorbei den Ausgangsplatz verlassen hat, abschüssig  – ja, zu den Toten muss man hinunter, zurück zu den Lebenden wieder hinauf.

Ein Stück weiter unten wird der Weg zur schmalen Allee. Hinter der Baumreihe linker Hand breitet sich der Friedhof, liegen dunkel die Gräberreihen, stehen dazwischen die Baumreihen, Reihe um Reihe Grabstätten, Wege, Bäume bis zur umlaufenden Friedhofsmauer irgendwo hinten.

Die Baumreihe neben dem langen, geraden Weg hinunter zum Dr. Kafka steht rechts vor der Mauer und steht ihr sonderbar nahe.
Diese Mauer ist eine Kassettenmauer. Sie ist so gebaut, dass von Pfeilern links und rechts, oben und unten von Sturz und Schwelle ähnlichen, balkenartigen Vorsprüngen eingerahmt ein wenig zurückgesetzte graue Putzflächen entstehen. Eine solche Kassette neben der andern bildet die Mauer; nach einem Pfeiler kommt die nächste, die manchmal tiefer gesetzt ist, denn es geht ja bergab.

An den grauen Putzflächen sind Gedenktafeln angebracht und sehr nahe daran, ihnen leicht zugeneigt, stehen die Bäume.
Seltsam ihre schlanken Stämme, bis über die Höhe der Mauer kahl gehalten, gehen sie oben in geradezu expressiv wuchernde Kronen, Blitze aus Ästen in den Himmel aus. Im Gegensatz dazu die kahlen Stämme unten so nahe der Mauer und den Tafeln wirken, als ob sie sich schützend oder bergend vor Mauer und Tafeln gestellt hätten, um zu bedeuten: das hier ist intim.
prag19:012

Nie zuvor hat der Autor dieses Berichtes je den Sinn des Wortes Beistand so gänzlich, ja wortwörtlich erfüllt gesehen.

Und diese Mauer. Oben, auf dem Balken über der Putzfläche mit den Tafeln ist sie ziegelgedeckt; die Pfeiler links und rechts stehen nicht nur etwas erhaben aus ihr heraus, sie ragen auch etwas höher auf, und da diese Überstände ebenfalls ziegelgedeckt sind, wirken sie wie Gauben auf einem Dach, wie Lüftungsgauben – die Mauer, ihre Silhouette eine lange Reihe – Baracken…?!

Auf die schmale Stufe, die Schwelle unter den Tafeln, sind hie und da Lichter gestellt.

Den neuen jüdischen Friedhof Prag haben der Autor dieses Berichtes und seine Begleiterin, Deutsche, nicht mit jener Beklommenheit betreten, die sie nun empfinden, ahnend, welches Schicksal die erlitten haben, derer auf diesen Tafeln vor dem grauen Putz dieser Mauer gedacht wird. Sie lesen jede Tafel auf dem Weg hinunter bis zur letzten: „In memoriam“, Namen, Daten, Birkenau, Lodsz, Warschau, Terezin, Sobibor – Ortsnamen, nie ein nationalsozialistischer „Begriff“.
Wem dies auffällt, der wird es vielleicht verstehen – oder auch nicht, es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass es so ist: kein Wort der Henker soll hier verewigt sein, kein Ort soll ihn hier tragen, den Begriff, den der Henker ihm zugefügt hat, denn dass hier bei den Namen der Opfer, der unschuldigen Orte ein solcher Begriff erschiene, verzeichnet wäre, täte es ihm nicht Ehre?

Die letzte Tafel ganz unten gilt dem „Dr. Maxe Broda“ zum Gedenken, welcher kein anderer ist als der berühmte Max Brod.
prag24:012Dieser ist zwar in Israel gestorben, wohin er 1939 ausgewandert war, doch ist er enger Freund, Ermutiger und Förderer des oft zweifelhaften Dr. Franz Kafka seinerzeit in Prag gewesen, später auch Nachlassverwalter, und so hängt die Tafel zu seinem Gedenken genau dessen Grab gegenüber (nicht, wie bei „Wikipedia“ zu lesen, „nebenan“).

Blumen, Blümchen, Zettel, Steine sind unter den Grabstein des Dr. Kafka gelegt, Grüße, Botschaften, Liebeserklärungen, Gedichte – wer weiß.
prag25:012

Und was mir auf allen Friedhöfen, die ich besuche (der Prager ist der erste jüdische), und was mir auch im Leben zwischen den Lebenden oft, oft in den Sinn kommt, das kommt mir auch hier in den Sinn, jener Refrain: „Wie nah sind uns manche Tote –  doch wie tot sind uns manche, die leben.“ des Liedes „Hugenottenfriedhof“ von Wolf Biermann.

Wir gehen links ab in den Friedhof hinein; man kann getrost sagen: in die Tiefe.

Dass dieser Friedhof verlegt, also neu angelegt worden ist, weiß man aus dem Reiseführer, ihm anzusehen ist es nicht. In ihm ist weniger „deutsche Ordnung“ als vielmehr bürgerlich deutsche Romantik. Man kann hier ganz plötzlich von der Überzeugung überrascht werden, dass, ja, ein Friedhof so sein sollte, und darüber eine nicht ganz passende Freude empfinden.

Den interessierten Besuchern dieses Friedhofes, die einstens so bestattet zu sein wie hier sich wünschen, sind gewiss nicht wenige und es sind ganz gewiss nicht alle Juden (wiewohl sich auch nicht jeder Jude Hoffnung darauf machen kann, dereinst hier bestattet zu werden). Denn es ist die alte Geschichte: Hochkultur geht verloren, Natur ebenso, schleichend kommt hier eine Kleinigkeit, dort ein Tierchen abhanden, wird hier rationalisiert, ritualisiert, dort ein Auge zugedrückt. Würde man aber unversehens in Hochkultur, in Natur gestellt, in ihre ganze Pracht bei voller Blüte, ihrer Dimension, ihrer Fülle, ihres Wunders ansichtig und inne, man würde nicht für möglich halten, dass ein heutiger Tierpark oder der Friedhof etwa in H. nur das Geringste noch damit zu tun hätte oder gemein – und was doch heranrückt.

Jedoch ist manches – „Urbild“ – in den meisten von uns noch vorgebildet und so auch die Fähigkeit zu erkennen ohne zu kennen.
Es gibt sie, die selten vorkommende urplötzliche Übereinstimmung eines inneren Bildes mit einer äußeren Erscheinung. Und wie oft macht sich doch die Existenz dieses inneren Bildes mit solcher Übereinstimmung erst bemerkbar?
Und gibt es nicht allerhand Leute, die glauben, sie hätten vor ihrem jetzigen Leben schon einmal gelebt und seien in diesem vorigen Leben an einem bestimmten Ort ganz bestimmt schon einmal gewesen, so bekannt komme er ihnen vor, obwohl sie ihn zum ersten mal sehen?

Vieles in unserer Lebenswirklichkeit, besonders das, was „sein muss“, ist zur runden, glatten Banalität geworden, die mehr dem Zweck, schnell geliefert, fix und fertig geboten, rituell vollzogen zu werden, entspricht.
So ist auch die Kultur rund um den Tod oft sozusagen auch nur noch ein Skelett ihrer selbst, ein Halbschatten, der, wenn überhaupt irgendwohin, gelegentlich auf seine Verdrängung fällt, noch seltener auf die Kultur des Sterbens. Die Furcht vor dem Tod ist heutzutage keineswegs größer als die vor den Lebenden, denen das Sterben ausgeliefert ist, und vielleicht hat einer weniger Hoffnung hinsichtlich seiner Auferstehung am Jüngsten Tag, wenn er am ersten Tag, da er Gewissheit fühlt zu sterben, mehr Anlass hat, dringender auf schnelle Erlösung zu hoffen.

Wäre es wahr, dass ein jeder Gestorbene Zeugnis abzulegen vor Gott tritt und schon trat, nichts, was Gottes Wille hier auf Erden scheint, bedürfte mehr einer Erklärung –

Warum also sollte ein neuer Friedhof nicht auf seine Weise einem Neubaublock entsprechen? Warum sollte er nicht als „Letzte Ruhestätte“ ein Gemeinplatz sein, wo halt die Toten begraben werden, was, soweit es das Begrabenwerden angeht, den Totengräbern, den Steinmetzen, den Blumenbindern etwas einbringt, und soweit es das Begrabensein betrifft, auch der Verwaltung?
Es ist Tristesse. Man kann ihr im Leben nicht entgehen, noch weniger dem ewigen Gedudel dazu, das einen ebenso selbstverständlich ungehindert bis auf den Friedhof verfolgt.
Da ist es schön, wenns den Leuten egal, Apathie des freien Lebens Bruder geworden ist und ein kalter Lethargiger zwar irgendwann auch beerdigt werden kann, aber dessen herausragendste Eigenschaft oben bleibt, unvergänglicher, ewig jünger scheint denn je, während die Götter, die diese Eigenschaft bislang zwar vergeblich, aber immerhin bekämpften, angewidert von der Effizienz und Konsequenz des grassierenden kalten Elends, das allerlei Ehre machen soll, zurückweichen.

Der Tod ist schal geworden und vom Gedenken reicht so wenig noch ins Leben; ist es, um den Angehörigen die Grabpflege zu ersparen oder weil, was sie vererben, besser für ein Studenten-Auto angelegt ist; weil nichts mehr zu sein übrig geblieben ist als tot zu sein, und alles andere ist man schon gewesen; weil es wurscht ist, nur ein bisschen Kultur muss halt auch sein? Ist es eine echte Bescheidenheit?

Nein, es ist das kurze, kürzer werdende Gedächtnis zur Rettung der Exklusivität einer faden, faseligen Allgegenwart des Globalverramsches, des billigen Lebens auf Rolltreppen und Förderbändern mit dem Kopf in der Presse, einen Fuß in der Abwärtsspirale, dennoch eine Himmelfahrt, während aller Sinne Reiz aus dem Äther kommt, jener um die Erde geschnürten rosaroten Endlosschleife.
Nur so ist immer alles neu, unsere Zeit die beste und modernste, in der die Hölle auf Erden zu bereiten aktuell das Paradies der Lohn ist.
Das Vergangene war schlimm und schlecht, was geschah heute unvorstellbar?
Aber die neueste Berliner Spezialität, Prügel und Totschlag auf offener Straße wegen Schiefansehen, Witz auf „den Führer“, unwürdiges Verhalten hat es in den 30er Jahren schon gegeben, und dass die Polizei in bestimmten „Gegenden“ entweder nichts „zu suchen“ oder ein Auge zuzudrücken hatte auch, nur hießen diese Gegenden nicht „No-Go-Areas“:

Der alte Keim aus neuen Bäuchen,
Der alte Brauch mit neuen Bräuchen.

Milde Strafen und Bewährung für Schandtaten sind ebenfalls überliefert, mithin seltsame „Selbstmorde“, den der Berliner Humor allerdings noch traf: „Es war Selbstmord, aba man weiß nich, wer et jewesen is“.

Freilich ist es heute nur halb so schlimm wie zur dunkelsten Zeit einer mörderischen Diktatur: die Zeit, in der es heute geschieht, ist freie Zeit, darum.
Die folgenden hochaktuellen Zeitstrophen kann man nicht „googeln“, es gibt sie dennoch – wann geschrieben?

„Immer tiefer sich zu bücken, 
Das verlernt die Menschheit nie.
Und sie trifft es zum Entzücken
Selbst in der Demokratie.
Das ist der wahren Freiheit Sinn:
Jeder kann in Republiken, 
Jeden andern unterdrücken.“

– und zwei Strophen später –

„Heut tun sich die Leute lieber 
Bücken vor dem Börsenschieber, 
Bücken vor dem Börsenschieber,
Denn nur Geld regiert die Welt.
Lieber vor dem Börsenschieber
Bückt sich heut die Welt.“

– wegen der anständigen Verse wird mans schon ahnen: aus den 20er Jahren sind sie, doch heute zielgeführt treffend mit chirurgischer Präzision.

Heutzutage mahnen die Toten nicht so eindringlich wie die, die noch nicht gestorben sind. Das sind die, deren Existenz gekennzeichnet ist von dem Verhängnis, „ausgeschieden“, also im Sinn des Wortes verdaut zu sein.
Nun, ich will nicht vorgreifen, diese Go-Zonen des Sterbens sind Durchgangsstationen, deren gepflegte Annehmlichkeiten kennenzulernen beinahe ein jeder die Ehre und das Vergnügen haben wird.
Es ist eine in die üblichen drei Auswanderer-Klassen eingeteilte Kreuzfahrt zum Cap Hoorn des Lebens mit garantiertem Untergang.
Nur ein Höllen-Breughel, ein Bosch oder ein Goya vermöchte uns vielleicht auszumalen, in eine Serie Caprichos das tief zu drucken, was sich auf dieser Fahrt abspielt. Es wären „total“ verbotene Verallgemeinerungen im Sinn von „ was einem geschieht, geschieht allen“, das Sujet unmöglich: „Höllenfahrten“ – leben wir etwa im finstern Mittelalter? Nun, dieses war nur feiner ausgemalt – als heute das Sterben.

Es ist ein anderes Kapitel…

Wo waren wir stehen geblieben auf diesem so unerklärlich vertrauten Ort?

Vom Weg hinunter zum Grab des Dr. Kafka kann man gleich nach diesem links in den Friedhof hinein abbiegen.
Aber „in den Friedhof “ ist eigentlich unzutreffend, treffender wäre „in die Welt derer, die gelebt haben“.
Und man müsste der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass es wohl die Welt  derer ist, die es verstehen, in Würde tot zu sein, zugleich aber auch jener – Lebenden -, die dies wünschen und es darauf anlegen. Kurz gesagt, es ist einer Gemeinschaft durchaus nicht museales, exhibitionistisches, sondern intimes, sehr familiäres Separeé. Und es ist der lebendige Ausdruck dieser Gemeinschaft, und diesen wahrzunehmen das Besondere und Außergewöhnliche eines Besuches.

Vom breiten Weg aus, den wir gehen, zweigen wiederum Pfade ab in Alleen mit Reihen von Grabsteinen links und rechts. Die Gräber vor ihnen liegen gänzlich von Efeu überwachsen wie unter dicken Decken, und was sich mitten hindurch zu schlängeln scheint, ist genau so vage dezent ein Pfad, dass kein Schild nötig ist: Betreten nicht erwünscht.

prag23:012

Kaum zu glauben, dass dieser Friedhof ein „verlegter“ sein soll und „neu“ ist. Wenn man nicht weiß, wie der „alte“ ausgesehen hat, so weiß man doch, dass es denen, die diese Verlegung zu vollbringen hatten, gelungen ist, das, was er an Ewiger Ruhe geboten haben mag, mitzuverlegen oder wiederherzustellen.
Ja, es scheint, als sei der alte Friedhof in einem Stück, als Scholle und Ganzes an seinen neuen Platz gesetzt worden, so eingewachsen wirkt er.

Wir biegen den nächsten breiten Weg nach links ab, wieder in Richtung des Eingangs, um die linker Hand stehenden, meist glattschwarzen Grabsteine bzw. Grabsteingebilde zu betrachten. Keiner von ihnen ist klein und keiner gleicht dem andern, dennoch ist diese Individualität hier ebenso natürlich wie selbstverständlich Teil des Ganzen und nach Brecht „durchaus kommun“ und dadurch beinahe heiter wirkend.

Solide sind sie, die Steine, die hier als wahre Grabmale stehen, und es stünde auch nichts dagegen, sie Denkmale oder Angedenkmale zu nennen. Denn ein Gedenken soll ja hier gewiss nicht nur dem Reichtum der Gewesenen gelten, sondern insbesondere auch der Tüchtigkeit, Solidität und dem Stolz jener doch so oft Benachteiligten, ja, mehr noch:

„LIEBE SPENDEND, LIEBE SÄEND SCHRITTEST DU DEN LEBENSPFAD. ALL DEIN STREBEN WAR DIE LIEBE UND DIE LIEBE DEINE TAT. REICHSTER BORN DER MUTTERLIEBE, MILDES, ALLBELEBEND LICHT. AUCH DES TODES NACHT VERLÖSCHET DEINE HEIL´GE FLAMME NICHT“ steht hier der REBECCA SCHNÜRDREHER zum Angedenken –
und ihrem Mann LEOPOLD SCHNÜRDREHER „KLARES WOLLEN UND DENKEN, MILDE UND GÜTE IM URTHEIL, KRAFTVOLLE HINGEBUNG IM SCHAFFEN FÜR FAMILIE UND GEMEINDE ADELTEN SEIN ARBEITSREICHES DASEIN, VERKLÄREN SEIN ANDENKEN. EHRE UND FRIEDE DEM GUTEN!“
prag20:012

Ist es nicht märchenhaft? Ein geradezu christliches Pathos nach wilhelminischem Ideal! Ein Denkmal für gelungene Integration, einem Tor ähnlich zu einem Festsaal oder Mausoleum gleichwohl…

prag22:012Ein Stück weiter ein Pfau im Jugendstil prächtig in Stein gehauen für einen hoffnungsvollen Maler, der offenbar schon überzeugt hat, bevor er allzu früh verstorben ist.

Wieder ein Stück weiter: „NACH EINEM FROMMEN UND EDLEM LEBEN RUHT HIER IN FRIEDEN“ die Familie BESTÄNDIG!
prag21:012

Und da möchte man wünschen, es möge dieser Friede ein beständiger und die Ruhe und der schmückende Herbst und die Beständigkeit ganz allgemein beständig sein (so wie der kleine Grammatikfehler).

Gestern ging ich nach Hause, traurig und mit einem Gefühl der Erniedrigung, das sich stets mit der Gewissheit einstellt, dass etwas hoffnungslos ist, und mir fiel ein, was der Herr Rose aus Gelsenkirchen mir geschickt hatte, ein Kafka-Zitat:

„Man lernt das Matrosenleben nicht durch Übungen in einer Pfütze, wohl aber kann man durch allzu großes Training in der Pfütze unfähig zum Matrosen werden.“

Ach, wäre man nur stets fähig, der Pfütze zu entkommen.

Written by monologe

18. Dezember 2012 at 9:50 am

Jüdischer Friedhof Prag – Teil III

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Warum, wird sich der interessierte Leser dieses Berichtes fragen, warum denkt er an dieser Stelle wieder nur ans Essen?
Es hängt zusammen mit den Kraftstoff-Preisen.
Wer die an der tschechischen Tankstelle in Kc ausgezeichneten Krftstoff-Preise in Euro umgerechnet hat, der wird gefunden haben, dass Kraftstoff in Tschechien beinahe so teuer ist wie in Deutschland, wo der Liter Superbenzin um 1,60 € kostet.
Daraus lässt sich das Folgende ableiten und zur Realisierung empfehlen: 1 Liter Superbenzin also kostet in Prag 38,30 Kc, der halbe Liter bestes tschechisches Bier im Restaurant zwischen 27 und 32 Kc. – 1 Liter Superbenzin in Deutschland kostet 1,60 €, der halbe Liter bestes deutsches Bier im Restaurant zwischen 3,70 und 4,10 €.

Wollte man jetzt annehmen, dass der Preis für einen halben Liter Bier in Tschechien eben den allgemeinen Einkommens-, Produktions- und Lebensverhältnissen dort entspricht, so wird man sehr schnell erkennen
a: wie billig in Tschechien Bier und eine Portion Schnitzel mit Kartoffelsalat im „U HOUDKU“, Praha 3, Borivojova 110, sind;
b: wie billig bei uns in Deutschland das Benzin ist!
Aber das ist noch nicht alles.

Es gibt noch eine Sache, die mit einfacher Mathematik und logischer Schlussfolgerung nicht mehr zu fassen ist, man muss die Einsteinsche Relativitätstheorie hinzuziehen, um sie nicht zu verstehen.

Der Autor dieses Berichtes hatte behauptet, es bestehe eine Beziehung zwischen dem in Deutschland landläufig gebotenen Schnitzel mit Kartoffelsalat und desselben im Restaurace „U HOUDKU“, Prag“, nämlich indem der eine reziprok den Wert des andern habe.
Die Gleichung ist zunächst ganz einfach: das Prager Schnitzel ist wert, was das Deutsche kostet, kostet aber nur die Hälfte von dem, was das Deutsche kostet, das seinerseits wiederum nur die Hälfte dieses Preises wert ist, also eigentlich nur soviel kosten dürfte, wie das Prager kostet.
Dass das so ist, ist soweit nicht besonders unlogisch und auch nicht allzuwenig nachvollziehbar.
Komplizierter wird es, wenn man, und ganz besonders nachdem man, das Prager Schnitzel – ganz zu schweigen vom Kartoffelsalat – gesehen, gegessen – realisiert hat.
Dann nämlich erhebt sich die Frage, ob dieses gewöhnliche Prager Schnitzel, da es ja eine doppelte Portion darstellt und im wahrsten Wortsinn genießbar ist, nicht doch mindestens eineinhalbmal soviel wert ist als das gewöhnliche Deutsche Schnitzel mit Kartoffelsalat, obwohl es nur die Hälfte kostet? – hypothetisch gesetzt den Fall, man könnte es in Deutschland bekommen und es könnte sich gegen das in punkto Wirtschaftlichkeit, Aufwand und Geschmack weithin alternativlose Deutsche Schnitzel mit Kartoffelsalat durchsetzen.

Es erhebt sich natürlich umgekehrt die Frage, ob der Prager Esser in seinem „U HOUDKU“ das gewöhnliche Deutsche Schnitzel zum Preis des gewohnten Prager Schnitzels, auch wenn er weiß, es kostet in Deutschland das Doppelte, interessant finden würde.
Würde er speziell den Kartoffelsalat ganz „okay“ finden, industriell hergestellter Weißkrautsalat als Beilage ihn nicht überraschen und ihm auch die gute Hälfte der sonst üblichen Portion – naja, is ja übaall det jleiche, wat soll man machen – schließlich akzeptabel und einvernehmlich vorkommen?

Hätte er den zugehörigen kompensierenden Galgenhumor, der das zu seinem Nachteil jeweils Halbierte bzw. Verdoppelte noch zu halbieren bzw. zu verdoppeln auffordert, hoho, um den Witz komplett zu machen, wie er sich an der Deutschen Tankstelle pünktlich mit der gebrüllten Aufforderung, den Spritpreis doch gleich auf Einssiebzig oder – auf jaaah! Einsachtzig zu setzen, Erleichterung verschafft hat?
Als Sprit noch ungeheuerliche 1,37 € kostete?
Und der pünktlich abwinkte und das Maul hielt, nachdem der Aberwitz in Erfüllung gegangen und komplettierend der Rösler hervortrat und die Preiserhöhungs-Turnus-Zeremonie regulieren zu wollen ankündigte mit der Folge, dass die Preise nun nicht mehr an den Wochenenden und Feiertagen etc. willkürlich hoch und die Woche über runter gesetzt werden, sondern die ganze Woche über willkürlich hoch sind und am Wochenende runter gehen – heilig der Sonntag! -, also die Preise nicht mehr 2 (zwei) Tage hoch sind, sondern 5 (fünf)?
Immerhin, der Ironiker des eigenen Unglücks hatte bereits bei 1,37 € Bescheid gewusst und solidarisch bittere Lacher und befriedigtes unwillkürliches Kopfnicken initiiert.

So war Dampf abgelassen und Benzin wurde aufgefüllt.

Ich fürchte, er, der Tscheche, hat das alles nicht, und deswegen hat er auch sein Schnitzel noch (wie wir das unsere). Doch damit er auch etwas europäisch Reelles habe, hat er die Kraftstoffpreise.

Die Gleichung „U HOUDKU“-Schnitzel : Deutsches Schnitzel ergibt also keine Unbekannte, sondern eine Unbegreifliche.
Für diese gibt es nur einen Vergleich: das Unbegreifliche, das Einstein nur mit der Relativitätstheorie zu fassen vermocht hat, den es nicht scheuen muss, sondern dem es Stand hält.

Unbegreifliche bilden unsere Mysterien.
Wen diese interessieren: der weltbekannte Kafka, Freund Einsteins, hat sich bemüht, sie darzustellen.

Indessen der interessierte Besucher Prags wandert in Gestalt des Autors dieses Berichtes und seiner Begleiterin auf dem Trottoire neben der Hauptmagistrale irgendwo in Prag ganz in der Nähe des neuen jüdischen Friedhofes mehr hoffend als gewiss dessen Eingang zu.

Pflastermüde nähert sich die Personifizierung schließlich jener kartographierten Kreuzung, an der dieser Eingang planmäßig sich befinden wird.
Straßenbahndraht-verhangen, groß, taucht sie auf, man biegt interessiert um die Ecke – und da ist er, der Eingang des neuen jüdischen Friedhofs Prag, gepflegt und in Stand wie neu.

Betritt man den Friedhof, betritt man nackte Erde.

Was den interessierten Besucher Prags interessiert, dessen glaubt man sich hier so sicher, dass man ihm wie allen hier die Manöver des touristischen Suchens zu ersparen und achtloses Herumirren ebenso realistisch wie elegant und tolerant zu vermeiden sucht mit einem Hinweisschild auf den direkten Weg (Pfeil) zum Ziel.
prag26:012

Written by monologe

3. Dezember 2012 at 9:48 am

Jüdischer Friedhof Prag – Teil II

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Der interessierte Besucher Prags, das mag im Einzelfall ein Einzelner sein, doch kann auch ein Grüppchen Japaner durchaus und vollständig aus interessierten Besuchern Prags bestehen, kurzum, der interessierte Besucher Prags ist ein Muster des Besuchers Prags, der sich für die Sehenswürdigkeiten und Sonderbarkeiten der Stadt interessiert, ein Muster, dem ganze Völkerscharen schon entsprochen haben.

Der interessierte Besucher, von dem hier die Rede ist und der sich um 11 Uhr zum neuen Jüdischen Friedhof aufmacht bzw. aufgemacht hat, dem entspricht der Autor dieses Berichtes zu etwa 77%, dessen liebenswürdige, tolerante Begleiterin zu 100% .
Beide haben ohne Not für einen interessierten Besuch Prags mehr mit dem Vorurteil als in der Hoffnung, schöne Tage zu erleben (Tapetenwechsel erwartet man schon lange nicht mehr, Raufaser überall), die vertraute Umgebung zeitweise, wie sie hoffen, aufgegeben, um in der fremden Heimat Prag ihr bisheriges Leben nicht nur nicht weiterführen zu können, sondern in unbekannten Verhältnissen von morgens bis abends ein vollkommen neues, alternativloses, im Grunde unzumutbar anderes, ungewohntes Leben zu führen – als ein Herz und eine Seele.
Was sonst kaum denkbar ist noch möglich wäre, weder wünschenswert noch ratsam: sie sind stets zusammen, man sieht sie durch ganze 6 aufeinanderfolgende Tage wohin immer gemeinsam gehen.

Die liebenswürdige, tolerante Begleiterin hat mittels des Reiseführers die Reiseführung übernommen und kann den Autor dieses Berichtes durch die Stadt Prag mitschleppen wohin sie will unter nur zwei Bedingungen: zu einer Sehenswürdigkeit und nicht später als halb Zwei, besser früher, im Restaurace „U HOUDKU“, Praha 3, Borivojova 110, zu cerne Pivo und Mittagessen anzukommen.
Denn im Restaurace „U HOUDKU“ gibt es täglich wechselnde 2 Sorten Suppen und einfache Mittagsgerichte sowie ein XL-, als auch ein XXL-Menu, dieses dann inklusive Mokka.
Außerdem gibts, solange es reicht,  traditionelles Gulasch mit Knedlik, Szegediner Gulasch, also ein Gulasch mit Kraut, Schweineroulade, Hähnchenroulade; Schnitzel mit Kartoffelsalat gibts dienstags.

Die Besonderheit z.B. dieses Gerichtes für Deutsche dürfte sein, dass es für sie zum einen eine doppelte Portion ist, zum anderen eine Delikatesse.
Zwar hat der Einheimische nebenan ungefähr genausoviel und absolut genaudasselbe auf seinem Teller, er zahlt für seine Suppe auch 18 Ck, sein Tagesgericht kostet ihn wie jeden andern 75 Ck, sein Bier zwischen 27 und 32 Ck (nein, meint die liebenswürdige, tolerante Begleiterin des Autors dieses Berichtes, umrechnen soll das mal jeder selber), doch das ist für den Einheimischen alltäglich.
Er kann fassen, dass zwei Schnitzel auf seinem Teller liegen und der Kartoffelsalat nicht bloß aus eiskalten Kartoffelscheiben unter billigster Mayonnaise besteht, ganz abgesehen von einer reichhaltigen, frischen Salatbeilage. So ist ers gewohnt und er weiß es nicht anders.
Man kann ihm also keinen Vorwurf machen, wenn er cool das alles verdrückend hingelümmelt Zeitung liest, Laptop glotzt oder palavert, während unsereiner etwas durchmacht wie Robinson auf dem Weg das Fallreep hinab vor seinem ersten Schritt zurück in die Zivilisation.
Mancher Einheimische ist imstande, simultan die Speisekarte zu übersetzen und auf die Frage, warum in der Innenstadt der schönsten Häuser so viele leer stehen, manche gar in erbärmlichem Zustand, lachend eine international allgemeinverständliche Erklärung zu geben „Jaaah, Spekulacie!“ – und auf jedem Tisch Zahnstocher!
Eine Beziehung zwischen einem gewöhnlichen deutschen Kartoffelsalat und einem ebensolchen im Restaurace „U HOUDKU“ allerdings besteht: der eine hat den Wert des anderen.
Das tschechische Bier besitzt darum, so kann man finden, nicht mehr die einstige Süße, es ist herber geworden, angepasst dem Geschmack des Lebens.

Unterdessen sind der Autor (und engagierte Fotograf) dieses Berichtes und dessen Begleiterin planmäßig ein ganzes Stück in Richtung des neuen Jüdischen Friedhof vorangekommen.
So gut wie alles ist interessant, bevor mans gesehen hat, und interessanter noch ist der Weg dahin.

Sie haben einen großen christlichen Friedhof durchwandert, das Grab von Jan Ullrich entdeckt, prag30:012aber die Hoffnung, es werde sich der neue jüdische Friedhof anschließen, ist nicht in Erfüllung gegangen. Grund: die Karte wurde verkehrt herum, also nicht nach Himmelsrichtung orientiert gehalten, was leicht passieren kann, wenn man sie an entscheidender Stelle, wo es heißt nach rechts oder besser nach links abbiegen, fälschlicherweise richtig herum hält, nämlich so, als ob Praha-Troja in alle Himmelsrichtungen stets oben und von links nach rechts lesbar ist (nach Intervention folgende Korrektur: der Autor dieses Berichtes riet nach links, seine Begleiterin nach rechts zu gehen, die Begleiterin gab nach, das muss man anerkennen).

Dem durchaus schon nicht uninteressanten Fußmarsch bis zur Desorientierung folgte ein langer interessanter Fußmarsch nach Orientierung entlang einer langen Mauer neben einer belebten Hauptverkehrsader.

Nun sitzen der tolerante Autor dieses Berichtes und seine liebenswürdige Begleiterin in einer Tankstellenkaffee bei einem Cappuccino.
Nachdem beide die Toilette aufgesucht und sich von schmerzenden Gliedern und abgelösten, sich aufrollenden Innenschuhsohlen berichtet hatten, betrachteten sie schweigend jene internationale Ödnis einer Tankstelle, in welcher man automatisch fasziniert die Krafstoffpreise umrechnet.
prag28:012

 

 

 

 

 

 

 

Halb Zwei ist das Späteste, ab Elf wird ja schon ausgegeben; nach halb Zwei sind die Suppen aufgebraucht und alles Mittagsmenu ist aufgegessen.

Written by monologe

1. Dezember 2012 at 9:10 pm

Jüdischer Friedhof Prag – Teil I

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Der interessierte Besucher Prags hat in seinem Reiseführer herauszufinden versucht, was es mit jener erstaunlichen Plastik auf sich hat, auf die er, durch eine Innenstadt-Passage bummelnd, plötzlich gestoßen war:
ein mit den Hufen nach oben von der Decke hängendes riesiges Pferd, auf dessen Bauch sitzend ein ritterlicher Reiter.
Er hat gefunden, dass es von einem gewissen David Cerny sei. Es wurden ihm weitere Kreationen dieses David Cerny vorgestellt und empfohlen, einen Blick auf Prag durch den Hintern einer Cerny-Plastik zu riskieren, auch jenen Mann zu betrachten, der auf etwas wie die tschechische Landkarte pisst, und der cernischen Originalitäten mehr zu besichtigen wie etwa noch die schwarzen Riesenbabys, die den Prager Fersehturm hochkrabbeln.

Um es gleich zu sagen: an den Gelsekirchener Herkules auf der Zeche kommen diese Babys nicht heran. Die Radikalität des Absurden, die der Gelsenkirchener Herkules repräsentiert, ja, mehr noch darstellt mittels Turm und dem Staunen darüber, wie das möglich ist, jenes Gesamtkunstwerk aus gartenzwergigem, sich selbst übertreffenden und so seine Berechtigung beglaubigenden Größenwahns, dieses Gesamtkunstwerk aus Unsinn und schierer Irrrationalität des Prozesses seiner Realisation bis hin zum Ereignis seines Abschlusses – und über diesen noch hinaus bis zum Abriss – das bleibt unerreicht.

Dem Gelsenkirchener, insbesondere dem Gelsenkirchener Troll, dem zum Glück in Gelsenkirchen nur noch die einstweilige Verfügung fehlt, sich dem Gelsenkirchener Herkules nur noch bis 20km Entfernung, jedenfalls nicht auf Sichtweite bzw. kritische Distanz nähern zu dürfen, wird alles Cernysche, selbst in summa incl. Blick durch einen Hintern auf das goldene Prag gemütlich erscheinen.
Aber immerhin wird ihm vielleicht das Erlebnis, dass er eines entspannten, gemütlichen Lächelns durchaus noch fähig ist, wieder einmal zuteil werden.
Er wird sich auch gegen den banalen Gedanken nicht wehren: wie gemütlich es auf der Welt doch auch sein kann (später wird er dann lesen, dass der hochverehrte Präsident Havel mit Kritik an seinen Landsleuten nicht zimperlich gewesen und wegen deren Hang u.a. zur Spießig- und Gemütlichkeit deutlich geworden sei).
prag37:012
Der Prager Fernsehturm, zu dem der interessierte Besucher den Zizkover Berg hinauf gelangt ist, wurde, so stehts im Reiseführer, von einem Grüppchen Amerikaner zum hässlichsten der Welt erklärt.
Da, denkt sich der interessierte Tourist, wird der Turm sich mit Recht keinen Kummer draus machen, denn er ist bedeutender als jedes Grüppchen Amerikaner, steht länger, ausdauernder und in besserem Zustand da als manch glanzvolle Erscheinung neuerer Zeit einschließlich der Herren Rumsfeld und Armstrong.

Und war es nicht ein Prager, der beschrieben hat, wie die Leute unten auf der Straße laufend vom 4. Stock aus aussehen? Oder war es ein Wiener? Fridell?

Das kann der interessierte Besucher an Ort und Stelle nicht entscheiden, und nachher ist es ihm egal.

Er liest am Fuße des Fernsehturmes in seinem Reiseführer, dass der alte jüdische Friedhof dem Bau dieses Fernsehturmes weichen und verlegt werden musste. Es ist nur noch ein niedriges Gebäude mit einem umfriedeten Eckchen Land dahinter noch dort, wo der alte Friedhof einst war.
Es ist 11 Uhr, als der interessierte Besucher Prags sich also auf den Weg macht…

Written by monologe

1. Dezember 2012 at 7:35 am

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