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Kubicki wehrt den Anfängen

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Nein, die FDP ist keine 1-Mann-Partei. Sie ist näher dran, eine 1-Mann-Show zu sein.
Wenn man am Kleinen Parteitag den Lindner mit dem Headset von der Bühne runter reden gesehen hat, war man doch stark erinnert an Animation, Briefing für die Drückerkolonne, Anlagecoaching oder Butterfahrt, je nach Erlebnishintergrund, doch ist dieses Äußere und Äußerste in modern Public-Kultart das momentan wohl Angesagteste.
Die Mitglieder wurden da mitgerissen und scheinen ganz weg, was bedeutet, dass sie auch schon da sind, wo Lindner wie auch Schulz 5 Tage vor der Wahl schon sind aus Überzeugung: in der Surrealität.
Es ist wie Regentanz.
Da aber der Bach breiter wird, den von gutem Deutsch über gute Sitten bis zur Philatelie allerlei runter geht, ist mehr als genug Wasser im Fluss, mit dem der Klimawandel kommt.

Es gibt auch noch Kubicki. Der scheint zum Ausgleich ein wenig zurückgeblieben:
ntv, 17. Sept.:
»Kubicki griff die AfD scharf an. Er wolle nicht, dass diese Partei Deutschland repräsentiere, sagte er. „Es fängt mit der Verrohung der Sprache an und schließlich kommt Gewalt.“ Kubicki attackierte auch Grüne und SPD. Relativ zurückhaltend ging er dagegen mit der Union um.« – hatte aber zuvor noch gemeint, dass man den Anfängen wehren müsse.
Jeder wie er mag, aber was die Verrohung angeht, da muss man die Sprache im Dorf lassen.
Die AfD der Anfang dessen, was ihre Ursache ist?

Kausale Zusammenhänge zwischen Verrohung der Sprache und Gewalt zu behaupten ist heutzutage heikel. Dies zu tun kann leichter Gewalt auslösen, als mittels verrohter Sprache oder Bildsprache Gewalt zu verherrlichen, also im Leitkulturellen zu bleiben.
Der Verrohung der Sprache, da ist Kubicki sehr spät dran. Auf seinem Posten hat er wohl nicht gehört, wie rau der Ton geworden ist.
Wenn er den Anfängen der AfD jetzt noch wehren wollte, hätte er viel zu tun.
Von Gott geschaffene Geschöpfe wandeln herrlich den umgekehrten Pfad der Evolution aktuell auf der Stufe des modernen Totschlägertypus mit 30er-Jahre-Frisur. Ein bunter Exhibitionismus von Potentialen jeder Art martial ohne und mit passender Herren-Limousine kreuzt; aller Schund und Kitsch scheint sich von tief drinnen auf die Häute hinauf durchgekrakelt zu haben, so stark ist das Bedürfnis, es zur Schau zu tragen. Dazu passend das neuralgische Weibchen, glaubt wie eine Wachstuchtischdecke aussehen zu müssen, nur sind die Druckmustersymbole nicht immer kunstblumig.
Die Anwendung der seit dem Mittelalter abgeschafften Prügelstrafe ist in mikrikosmischen Einzelfällen latent auf offener Straße jederzeit möglich.
Die Opfer und ihre Angehörigen werden in Gerichtssälen verhöhnt.

Kubicki scheint nicht zu realisierenen, dass sich jederzeit Abscheulichkeiten, Rohheiten, Schandtaten exklusiv verwirklichen können, deren Vorführung eigentlich zur Unterhaltung sowie zur theoretischen Ausbildung eines Unrechtsbewusstseins oder -gefühls gedacht waren. Was nicht immer funktioniert, denn der Konsument ist schließlich ein Mensch, und je moderner er wird, desto selbstverständlicher ist er fehlbar.
Das alles war bisher eine Sache des Vertrauens, des Glaubens und der Freiheit zu glauben, dass Verrohung und Gewalt in 3D nicht in die Realität übergreift und nicht Wirklichkeit wird auf den Straßen, den Schulhöfen, im Internet. Es scheinen da gewisse Defizite dazu zu drängen, und die Hoffnung schwindet, mit Illusion einen Hass zu kanalisieren, einen Drang zur Tat zu kompensieren, dessen Ursachen niemand zu kennen scheint, den Durchbruch zu verhindern.

Der repräsentative Kubicki hat den Schuss nicht gehört und scheint über das was ist crossover hinweggekommen zu sein wie über einen sterbenden Rentner auf dem Boden einer Geldautomatenzelle (eine sehr kleine Auswahl):

»ich baller deine gang mit meiner magnum und bange deine mum im lambo, denn ich bin boss und du nix jojo denn ich hab den krssesten flow bro ficke alle bitches in der krssen karre du stehst daneben und fragst was ich mache…«

»Halt die Fresse! Fick die Presse. Kay du Bastard bist jetzt Vogelfrei! Du wirst in Berlin in deinen Arsch gefickt wie Wowereit…Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz.« (Bushido)

»Hurensohn ich ficke dich und deine ganze Sippe…Nehmen ihre Schläger raus und ficken dein Kopf.«

»Den wir sind Jung, Brutal, Gutaussehend Lieg in nem Bett mit ´paar Müttern Von deutschen Sprechgesangskünstlern Denn Mutterficker wir sind Jung, Brutal, Gutaussehend Und keiner kann mit uns ficken Du kriegst nen Punch in die Rippen…Und wenn du glaubst du bist besser Kriegst du ne Faust in die Fresse…«

»Siehst mich mit 5 Meter line Koks aus Mexiko legen….Ey das ist Gang-Banger-Zuhälterstyle, mein Aston steht vor der Villa…Ich wurd durchs Internet zum Star, doch war schon Pimp und klärte Mums als ich noch minderjährig war.« (Kollegah)

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Written by monologe

21. September 2017 at 4:18 pm

Mit Schmerz und Pathos

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Ach ja, die Türkei. Schnauft durchs Dorf.
Auch da steht allerhand auf dem Prüfstand wie überall auf der Welt, wo die letzten Hemmnisse totaler Freiheit fallen, besonders die, die der totalitäre Islam sich nimmt zu ihrer Verhinderung, während die Christenheit so frei ist, die Waffen, die angesagte Söldner-Mode, die populäre Ballerkultur, die Größe, das mentale, weltanschauliche, geistige Rüstzeug, sogar die Bundeswehr-Ausbildung beizusteuern.

Bei uns in Deutschland haben es die Freiheiten naturgemäß schwerer gegen die Hemmnisse, die ihr der ihnen eigene freie Geist einstmals gesetzt hat.
Der scheint überholt.
Der rechte Mann am rechten Ort, wenn er die rechten Worte findet, hat es darum gelegentlich erstaunlich leicht, eine Beseitigung populär zu machen. Dafür ein Beispiel bot der Schauspieler und nun wahrhaftig Freisturmführer Schweiger, als er mit der Näselung seiner(?) Idee, das Abseits im Fußball abzuschaffen, spontan Beifallssturm auslöste: ›Was issen das für ne Scheiße mit dem Abseits? Weg damit und die Post geht ab!‹ so ähnlich hat er prognostiziert.
Und Recht hat er.

›Weg damit!‹ scheint nicht nur Schweigers Überholspur zu ziehen. Auch in der Türkei steht ein Abseits zur Disposition: das Abseits, in dem sich die Todesstrafe befindet, mithin das ehrbare henkende Handwerk.
Wirklich sind die entsprechenden Bedürfnisse derer, denen die sensiblen, waffenstarrenden Neuherrenmenschen im Kampf gegen das Böse und den Feind vorstehen und die Notwehr verrichtend vorangehen, übermächtig geworden, in den schwersten Stunden nicht unehrenhaft tatenlos, ja heldentatenlos daneben zu stehen.

Welt und Scheinwelt sind ohne das Totmachen kaum mehr denkbar, der Feinde sind Heerscharen, Totenkopf Folklore, die Knäste übervoll, Prügel, Folter, das Recht des Stärkeren, der Rufmord, die tödliche Beleidigung der Ehre sind Hochkultur, da kann der Staat kaum mehr hintanstehen, kurz, die Wiedereinführung der Todesstrafe ist, passend wie aufs Auge, überfällig und gottgewollt die natürliche Auslese.
Sie könnte, gefordert vom rechten Mann am rechten Ort, erstaunlich leicht einzuführen sein. Nur geht es nicht um den Geschmack an einer geilen neuen Rekordanzahl Toter in einem deutschen „Tatort“.
Eine so große Sache und Prüfung wie die Todesstrafe darf aus irgendeinem Grund nicht eine hochkandidelte Hochnasen-Kakasana mit einer seiner Gaumenfreuden erledigen, wie ›Was issen das für ne Scheiße, Todesstrafe verboten? Zum Henker mit den Hurensöhnen! Scheiß Menschenrechte! Fickt sie und ab geht die Post!, nein, die Einführung muss wie nachher das Henken selbst in einem heiligen Ernst in den Schoß der Demokratie gelegt und mit Schmerz und Pathos ausgetragen werden.

Erdogan, Präsident, hat also bestimmt, dass der Entscheid über eine Wiederinsfeldführung der Todesstrafe den Parlamentariern per Abstimmung über eine dementsprechende »Gesetzesvorlage« überlassen sein soll.
Vermutlich geschieht das in Respekt davor, dass man ja keine Diktatur hat.
Man will die Delinquenten halt umbringen, lebenslange Haft, Durchfüttern usw. genügt nicht.
Todesfälle, Abgänge nebenher, Erschießungen auf der Flucht, Selbstmorde, Epidemien, Brand- und Gewaltausbrüche im Gefängnis, Unfälle, Lebensmittelvergiftungen, wovon der Außenstehende nicht weiß, wie es sein kann und wers gewesen ist, jene all- und altbekannten besonderen Vorkommnisse im Umgang mit unberechenbaren, selbstmörderisch politischen, religiösen, ethnischen Widersachern, Abtrünnigen, Aufrührern, Separatisten, Verbrechern, Terroristen sind im kleinen Rahmen sicherlich kaum zu verhindern, bei größerem Aufkommen solcher bedauerlichen Einzelfälle jedoch können sogar an und für sich verbotene, unzulässige Zweifel an Glaubwürdigkeit und Seriosität aufkeimen.

Nach dem »Putsch«, auf den kaum jemand recht vorbereitet war oder gefasst schien (wie gewöhnlich bei Gottesgeschenken), muss und will man nun wohl auf das Allerschlimmste vorbereitet sein.
Niemand weiß, für wieviele Umstürzler, Volksfeinde, Beleidiger, Verräter, Untürken, Putschisten usw. in der nächsten Zeit die Todesstrafe unerlässlich werden könnte.
Auf unerwartet massenhaftes Aufkommen solcher Fälle heißt es vorbereitet sein. So hat der Präsident Erdogan vorausschauend für den Fall, die Staatsraison bekäme das Gefühl, die massenhafte Verhängung der Todesstrafe sei alternativlos, vorab deren konsequente Legalisierung ins Format demokratisch legitimierter, ordentlicher Hinrichtungen den Abgeordneten vertrauensvoll ans Herz gelenkt und gelegt.

Erdogan hat gemeint, er sei sicher, dass die Parlamentarier zustimmen werden, und man muss weder eine Kassandra noch ein Prophet sein, es als wahrscheinlich anzunehmen, dass die anständigen Türken dem »Gesetzentwurf« anstandslos zustimmen werden; auch die, die Todesstrafen in wessen Namen auch immer verhängen und vollstrecken dürfen, die Richter und die Henker, haben kaum je und nahe nirgendwo etwas dagegen gehabt.
Da kann man sich verlassen.
Die türkischen Abgeordneten könnten gewiss nicht zustimmen, wenn sie das Gefühl hätten, es werde sich um Mord handeln (dem hat Präsident Erdogan prinzipiell vorgebeugt, indem er etwa zum Thema Völkermord an den Armeniern mitgeteilt hat, dass Völkermord ein so schlimmes Verbrechen sei, dass es das türkische Volk nicht begangen haben kann).
Und Zustände wie in den westlichen Gefängnissen wird der türkische Parlamentarier auch nicht wollen.

Für die nachher von der Strafe Betroffenen und ihre Familien hat Erdogan keine Prognose.
Er kennt seine Pappenheimer. Tod, da wissen auch die, was man hat: für alle Beteiligten die ehrenvollste, beste, normalste, nachhaltigste Lösung.
All das ist für uns westliche Freunde und Verbündete natürlich beunruhigend.

Es bleibt nur zu hoffen, dass es kulturvoll zugeht, wozu sich Klaviesaiten besonders empfehlen.

Written by monologe

5. November 2016 at 6:53 pm

Inspiration

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Wahrscheinlich unmittelbar beeinflusst, inspiriert von „Die Mittagsbrezel“ des Bloggers Gerhard Mersmann, Form 7, hat sich heute Morgen folgendes zwischen zwei mir nahestehenden Menschen, Inhaber einer harmonischen Beziehung, abgespielt:

7:20 Uhr
Er (nachdem er seine Kaffeetasse an diesem Morgen selber weggetragen und ausgespült hat, was er sonst so gut wie nie tut):
Ich weiß, du hattest heute Morgen einige unsere Beziehung förderliche Aktivitäten zu unternehmen vor (sie lacht), das hab ich schon gemerkt, ich musste doch aber aufstehn. Für heute Morgen schon um Acht hat sich doch die Birte angemeldet.
Sie:  Aha.
Er:  Das hatte ich dir doch gesagt –
Sie:  Ja, erinnere mich schwach, im vorigen Jahr, vor zwei Jahren, dass du da –
Er:  Quatsch, da hab ichs ja noch gar nicht gewusst, dass sie heute – ach so. Ja, siehst du, genau, da kam sie auch, erinnere mich.
Sie:  Halb Acht.
Er:  Jaja, das schmeißt mir alles durcheinander. Okay, ich geh und präparier mich mal. (verschwindet im Bad)
Sie:  Was will sie denn?
Er:  (aus dem Bad) Schie bringt ihr Auto zur Durchsicht, kommt dann halt mal vorbei. Bringt wieder paar von die guten Eier mit.
Sie:  Eh-hm.
Er:  (Fertig) So. Zwanzig vor Acht. Kann ich ja noch schnell was lesen. (Laptop, während sie frühstückt, liest er) Haha –
Sie:  Was issn das?
Er:  Kann – ich dir – jetzt – auf die Schnelle – aber wieder – seeehr – interessant –
Sie:  Na, ich geh gleich auch los.
Er:  Bin gleich soweit – ha, die Kommentare immer –
Sie:  Ich geh los.
Er:  Kurz vor Acht. Kleinen Augenblick noch – das hat mich auf was gebracht.
Sie:  Jetzt das Lesen?
Er:  Genau. Heute kann den Leuten was geboten werden. Wart mal, bis die Birte klingelt.
Sie:  Nö, ich will ja vorher weg sein, sonst –
Er:  Also tschüss schonmal – (ein Abschied mit größtmöglichem Aufwand an ritualisierten Sympathie- und innigen Zusammengehörigkeitsbezeugungen zum Beweis, dass sich keine Abneigung, kein Ekel entwickelt hat. Es klingelt)
Sie:  Also tschüss dann, machs gut –
Er:  Jaja, ich komm ja mit.
Sie:  -?
Er:  Du gehst hinten raus, ich lass vorne die Birte rein – wenn das einer sieht. Das wird den Leuten gefallen. Das sieht gut aus.
Sie:  Ja, sehr schön – machs gut.

Written by monologe

1. Juli 2016 at 11:52 am

Veröffentlicht in Aktuelles, Anekdote, Humor, Kultur, Leben, Literatur, Realität, Sprache

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Idyll

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Nirgendwo,
wo ich lebe,
diesJenseits,
ein Ort,
wo ich die Luft bin
mir zum Atmen,
mein Leben zum Trinken
mir das Wasser
ist.

Wenn es nach denen hier ginge,
Gleichgültige,
Gleichmacher,
hätte ich kein Gedicht
in der Not,
in der es kein Wort gibt,
weil es ein Wort gibt,
keinen Blick,
weil es einen gibt:
leuchtend leer.

Aus dem Grauen wanderte ich ein
ins Menschenmorgenflaugrau
des bunten Einheitsglücks
Idyll mit Plüschbürger,
tapetenhäutige Hasser,
Mimen der Wilden
aus den am Himmel
aufgezogenen Regenwäldern.

©Martin Klingel 2016

Written by monologe

28. Juni 2016 at 8:28 am

Brex it

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Remember when you were young you shone like the sun
Shine on you crazy diamond
Now there’s a look in your eyes, like black holes in the sky
Shine on you crazy diamond
You were caught in the cross-fire of childhood and stardom
Blown on the steel breeze
Come on you target for faraway laughter
Come on you stranger
You legend, you martyr, and shine

You reached for the secret too soon
You cried for the moon
Shine on you crazy diamond

Threatened by shadows at night and exposed in the light
Shine on you crazy diamond
Well you wore out your welcome with random precision
Rode on the steel breeze
Come on you raver, you seer of visions
Come on you painter
You piper, you prisoner, and shine

Nobody knows where you are, how near or how far
Shine on you crazy diamond
Pile on many more layers and I’ll be joining you there
Shine on you crazy diamond
And we’ll bask in the shadow of yesterday’s triumph
And sail on the steel breeze
Come on you boy-child, you winner and loser
Come on you miner for truth and delusion, and shine!

Pink Floyd

Written by monologe

25. Juni 2016 at 5:51 pm

Aphorismus – 51

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Meist kann nur eine Epidemie uns die Ansteckung auslösen.

Written by monologe

13. Juni 2016 at 5:16 pm

Kachelmann

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Der Rechtsstreit, den der als vermutlich unschuldig freigesprochene Kachelmann gegen die BILD-Zeitung anstrengt über die Höhe einer Entschädigung wegen gerichtlich festgestellter Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte durch die BILD-Zeitung, geht, wie man hört, in die Revision.
Zugesprochen wurden ihm 635 000 Euro, Kachelmann jedoch will 950 000 Euro, und die BILD-Zeitung will nicht zahlen. Und das sieht man am Wetter.

Wie die Kanzlerin und das Wahre, die Ölindustrie und die Enegieriesen, die Wohnungsvermieter und die Preisentwickler meint auch die BILD-Zeitung, wir schaffen das? Wir halten dieses Sauwetter noch eine kleine Weile, also nur vielleicht höchstens noch den Sommer über aus?

Alles Maß und jede Bindung scheint zum Schicksal modernisiert und deren Bestimmung Gott zugeeignet worden zu sein; der Mensch mag denken, was er will, Gott lenkt und trägt die Verantwortung – wenn mit einer ebenso unauffälligen wie farblosen Revolution die Freiheit der Kraftstoffpreise von jeder Bindung erkämpft worden und vieles andere von Bindung, Maß und Halt plötzlich frei, losgelassen oder losgkommen ist, sollte allein das Wetter noch an Jahreszeiten gebunden, die Temperatur ihm noch ein Maß geblieben sein?

Kachelmann war ARD- Wetter-Frosch, wurde im Zuge des Vorwurfes, eine Vergewaltigung begangen zu haben, entlassen – nach seinem Freispruch rehabilitiert und wieder eingestellt? Nein.
Woran fühlt die ARD sich gebunden? Woran eigentlich fühlen die öffentlich-rechtlichen Anstalten sich leichthin so streng gebunden wie die Bürger an die Pflicht, Rundfunkgebühren zu zahlen, diese Frage steht ohnehin.
Kachelmann moderierte eine Talk-Show – auch hier weg mit ihm und kein Pardon. Es bleibt eben immer etwas hängen.
Die BILD-Zeitung, die niemand liest, hat Kachelmann durch einen Dreck gezogen, der, wie sich herausstellte, der ihre war. Sie hat dessen Persönlichkeitsrechte derart missachtet, dass ihm nicht nur Freispruch, sondern auch Anspruch auf Entschädigung zuerkannt werden musste.
Woran fühlte sich die BILD-Zeitung gebunden, was war ihr Maß?
Hätte sie sich nicht an ein Maß gebunden fühlen müssen, dessen Einhaltung zumindest sichert, dass nach einem Freispruch Kachelmanns, dem sie einen Respekt nicht mehr erweisen zu müssen glaubte, weil er der Vergewaltigung angeklagt war, nicht sie selbst verurteilt wird – nicht wegen Vergewaltigung, doch näher dran an jener Schande, die sie als ihr gefundenes Fressen verkauft hat.
Kachelmann hat das Höchstmaß dessen bekommen, was das Gesetz bei Unschuldsvermutung vorsieht: Freispruch, BILD wurde verurteilt. Freilich, nun wird niemand sie mehr lesen –

Wird es Frühling? Immerhin seit dem Tag, an dem Kachelmanns Revision verhandelt wurde, vorigen Donnerstag. Das spricht für Optimismus.
Gewiss hat das Göttliche, dem allgemeinen Trend folgend, das Wetter aus Diktatur und Abhängigkeit in die Freiheit entlassen, womöglich nach Sturz, wer wird es genau wissen, und so hat es sich Kachelmann angeschlossen. Gern ließ es sich von ihm voraussagen, erklären, deuten, besonders im Öffentlich-Rechtlichen.
Was Deutung und Erklärung der Großwetterlage betrifft, ist das Öffentlich-Rechtliche eine Heimstatt. Niemand ist so frei wie sie, zu erklären Freiheit, Demokratie, Rechte, gelegentlich auch Linke, und für die Erklärung dessen, was gerade geschieht, hält es Heerscharen Experten. Ebenso hält es sie an, vorauszusagen, was geschehen könnte, wenn usw., wie ja auch der Wetterhahn durch Krähen auf dem Mist kompetent darüber informiert, dass das Wetter sich ändert, oder es bleibt, wie´s ist.
Das Öffentlich-Rechtliche hat gern Freiheit in gesicherten Verhältnissen, wie das Wetter auch. Der Alternativlosigkeit hängt es genauso an wie das Wetter, für das und zu dem es ohne jeden Zweifel keine Alternative gibt.
Alles aber muss sich an etwas halten, selbst die Realität.
Das Öffentlich Rechtliche hat beschlossen, sich an die Kanzlerin zu halten, das Wetter hat beschlossen, ich halte mich an Kachelmann. Auch das in Treue fest, zumindest solange – nunja, die BILD-Zeitung soll zahlen, was sie verdient hat!
Denn so leer vom Kachelmann die Kass, wird der Maien kalt und nass,
soll der Sommer uns versöhnen, will das Wetter, BILD muss löhnen,
und den Alpen wieviel Schnee? – schau Kachelmann ins Portmonee!