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Über Baaschs Bauchgefühl

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Des Lübecker SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Baaschs Wunsch ist es, wiedergewählt zu werden.
Um für sich zu werben und einzunehmen hat er ein Wahlplakat anfertigen und sich auf ihm abbilden lassen, eine x-fach-Auflage Stillleben des Vorstellens also zum Anrödeln an Masten und Stangen stadtein, stadtaus.
Ausnahmsweise quer über den Abgeordneten Baasch wie eine Bauchbinde um einen Stumpen – der sonst auch keine trägt – steht zwischen Strichen der Anführung gedruckt, das, wovon man sicher sein kann, dass er es sich auch auf die Fahnen geschrieben hat:
»Mehr Gerechtigkeit für alle«.

Baasch ist beileibe kein Dünner, aber mehr Text, als etwa Gerechtigkeit auf eine Kuhhaut passt, ging quer über ihn einfach nicht drauf.

Die griffige, auf Baasch passende Ansage folgt offenbar den Verheißungen des Kanzlerkandidaten Schulz:
Es ist die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die dafür sorgen muss, dass jeder einzelne Mensch, jeder Mann, jedes Kind, jede Frau im Mittelpunkt unseres Denkens und im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Ich möchte, dass der einzelne Mensch Respekt bekommt.“ –
wie in den alten Liedern

»…eines kann ich schon jetzt vorwegnehmen: Bei unserem Programm wird es um Gerechtigkeit, um Respekt und um Würde gehen.«
Die SPD hat es bitter nötig, aber was immer Schulz vorwegnimmt, wenn es kommt, es käme jedenfalls im Nachhinein.

»Wir wollen, dass die SPD die stärkste politische Kraft nach der Bundestagswahl wird, damit sie das Mandat bekommt, dieses Land besser und gerechter zu machen und den Menschen den Respekt entgegenzubringen, den die Menschen verdienen.«,
wenn sie die SPD wählen.

Baaschs dumpfe Kurzversion dürfte überzeugender sein.

»Mehr Gerechtigkeit für alle« auf Wunsch bedeutet in seiner überraschenden Einfachheit spontan zunächst mehr als überhaupt nichts, doch dass man es der Einfachheit halber wählen kann, um sich dann einfach mal überraschen zu lassen, wieviel mehr einfacher es sein wird.

Um den Rand von Baaschs Plakat drängen sich noch ein paar Fragen.
Ist uns allen noch nicht genug Gerechtigkeit widerfahren?
Wird »Mehr Gerechtigkeit für alle« partiell noch das Allerlebensnotwendigste zur Befriedigung der Grundübel der wesentlichen Existenz auch noch beinhalten oder gehts ins Argere? Heißt das mehr ins Kneifschwein vom Vatter Ubu mit allen, die es verdienen, und siehe, es ist unabwendbar gerechter und nur halb so persönlich bedrohlich wie Komplettüberwachung?
Soll eine Gerechtigkeits-Behörde geschaffen werden, die alle der ohne Unterschrift gültigen Gerechtigkeit zuführt und hierauf respektvoll automatisiert in ein verdientes, aber ebenso gerechteres wie nicht unwürdiges Schicksal einordnet, aber endlich die Pfandflaschensammel-Reviere auch zuteilt?
Was immer, die SPD ist die ideale Adresse für Zuversicht und Vertrauen, auch mehr, wenn man nicht weiß woher und auch nicht wohin mit den Defiziten.
SPD qua Schulz, da weiß man wieder ein, nicht mehr nur aus!

Mit der Kompetenz im Kern der Verursacherin scheint sie es leicht zu haben: bessern, was sie selbst den »Menschen« einst maßgeblich bestimmt und angemessen hat, bieten und entgegen bringen, was sie ihnen, wo es ging, entzog, erneuern, was in Verschlechterung und Verschleiß geraten ist durch sie und woanders gern billig in Kauf genommen wurde.

Das hatten, als es nach ihr ging – man erinnert sich -, die »Menschen« doch auch damals schon verdient, nichts anderes, in Folge dessen sie heute für Anderes vielfach nicht mehr genug verdienen.
Was hat Schulz für die SPD also vor der Wahl zuerst entdeckt: Würde und Respekt und dann den »Menschen« oder umgekehrt?
Auf welche »Menschen« hofft er? Die die SPD früher schon überzeugt hat mit konsequenter Schaffung von Gerechtigkeit?; die ihren angewandten Respekt vergessen haben?; die das Mindestmaß Würde, das laut Grundgesetz nicht angetastet werden kann, nicht in einem Schweizer Bankfach sicherer meinen, sondern dransetzen wollen?

Die heute gültigen, von der SPD aufgestellten Standards sind von solcher Qualität, dass die CDU sie mit Handkuss übernommen hat, um zusammen mir der SPD als Kombine die Ernte einzubringen und das Land zu hegen und zu pflegen bis heute, damit es den Leuten so gut gehe wie nie zuvor.

Nachdem Schulz der SPD gesprochen hatte von Gerechtigkeit, Respekt und Würde, da hats im Saal einen Jubel gegeben, einen Freudentanz, als hätte tatsächlich nie irgendwer da unten je oder schon lange nicht mehr von dergleichen gehört.

Über ein Bauchgefühl hat es der Abgeordnete Baasch dann auf den Punkt gebracht:
»Mehr Gerechtigkeit für alle«.

Das werden doch wissen die lübschen lebenden Toten,
Baasch hätte es längst praktiziert, doch war es verboten.

Richtig ist, dass bis jetzt zumindest nicht allen von der SPD mehr Gerechtigkeit widerfahren ist.

Written by monologe

31. März 2017 at 6:01 pm

Rentenanpassung

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Die Ost-Rente wird, so die Verkündigung, der West-Rente angepasst, von 94,1 % auf 100%. Die Differenz beträgt also noch 5,9 %, und diese zu tilgen soll „2018 beginnen und 2025 abgeschlossen“ – nein, nicht abgeschlossen sein, sondern „werden“ – was sagen will: wenn nichts dazwischenkommt.

Aber was sollte dazwischenkommen?

Freilich, Schlaganfall, Herzinfarkt – Gefahren für die Rentner durch zu schnelle Anpassung werden durch allmähliche, altersgerechte Anpassungsfristen weitestgehend minimiert.
Ost- und West-Rentner haben nunmehr zunächst zwei Jahre, sich an den Gedanken zu gewöhnen bzw. der Vorfreude, hierauf nochmals sieben Jahre, um es in kleinen Dosen zu genießen bis zum Abschluss.
Es handelt sich schließlich um „die Menschen“, nicht um Politiker, Banker, Manager, die mit von heute auf morgen mehr Geld und sogar viel mehr Geld, selbst rückwirkend mehr, cool und wie selbstverständlich umzugehen gewöhnt sind.

Der Ost-Rentner mit bisher 3000 Euro würde bei spontaner Anpassung immerhin knapp 180 Euro Rente mehr bekommen!
Eine solche Steigerung muss schonend vonstatten gehen, sodass diese Rentner, die so lange warten mussten, nun auch lange Freude an der Anpassung haben, ehe sie ab 2018 bis 2025 dann auch schön etwas merken (werden).
Sie müssen ja außerdem damit zurechtkommen, dass sich, wenn nichts dazwischenkommt, während der insgesamt neun (9) Jahre Anpassung zusätzlich noch Aufgeld in Form von Inflationsausgleich niederschlagen wird.
Wer allerdings mit seiner Rente schon jetzt nicht auskommt, bei dem wird sich nichts weiter ändern, als dass er ab 2025 mit 100% derselben Rente nicht auskommen wird, mit der seine Brüder und Schwestern im Westen auch nicht auskommen. Altersarm wird man nicht mehr 94,1%, sondern 100% sein.
Das kann man jetzt schon sagen.

Indessen möchte man allen Rentnern Ost sehr an Herz legen, mit ihren Gefühlen von Beglückung über Dankbarkeit, Zufriedenheit und Genugtuung nicht bis zum erstenmal mehr Geld oder gar bis 2025 warten zu wollen, womöglich bis zum persönlichen Sanktnimmerleinstag, sondern diese Gefühle, die positive Stimmung aus Gründen der Lebensqualität tatsächlich schon jetzt zuzulassen und mitzunehmen – genauso wie der Einzelhandel es uns allen ermöglicht, ab August weihnachtliche und ab eine Woche nach Silvester österliche Gefühle zuzulassen.

All das ist nicht populistisch. Es sind keine „einfachen“ Lösungen.
Populisten würden die Anpassung der Termine von Weihnachten und Ostern auf ein und denselben Tag ankündigen, an dem man sie wählen kann.

Written by monologe

26. November 2016 at 9:32 am

Inspiration

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Wahrscheinlich unmittelbar beeinflusst, inspiriert von „Die Mittagsbrezel“ des Bloggers Gerhard Mersmann, Form 7, hat sich heute Morgen folgendes zwischen zwei mir nahestehenden Menschen, Inhaber einer harmonischen Beziehung, abgespielt:

7:20 Uhr
Er (nachdem er seine Kaffeetasse an diesem Morgen selber weggetragen und ausgespült hat, was er sonst so gut wie nie tut):
Ich weiß, du hattest heute Morgen einige unsere Beziehung förderliche Aktivitäten zu unternehmen vor (sie lacht), das hab ich schon gemerkt, ich musste doch aber aufstehn. Für heute Morgen schon um Acht hat sich doch die Birte angemeldet.
Sie:  Aha.
Er:  Das hatte ich dir doch gesagt –
Sie:  Ja, erinnere mich schwach, im vorigen Jahr, vor zwei Jahren, dass du da –
Er:  Quatsch, da hab ichs ja noch gar nicht gewusst, dass sie heute – ach so. Ja, siehst du, genau, da kam sie auch, erinnere mich.
Sie:  Halb Acht.
Er:  Jaja, das schmeißt mir alles durcheinander. Okay, ich geh und präparier mich mal. (verschwindet im Bad)
Sie:  Was will sie denn?
Er:  (aus dem Bad) Schie bringt ihr Auto zur Durchsicht, kommt dann halt mal vorbei. Bringt wieder paar von die guten Eier mit.
Sie:  Eh-hm.
Er:  (Fertig) So. Zwanzig vor Acht. Kann ich ja noch schnell was lesen. (Laptop, während sie frühstückt, liest er) Haha –
Sie:  Was issn das?
Er:  Kann – ich dir – jetzt – auf die Schnelle – aber wieder – seeehr – interessant –
Sie:  Na, ich geh gleich auch los.
Er:  Bin gleich soweit – ha, die Kommentare immer –
Sie:  Ich geh los.
Er:  Kurz vor Acht. Kleinen Augenblick noch – das hat mich auf was gebracht.
Sie:  Jetzt das Lesen?
Er:  Genau. Heute kann den Leuten was geboten werden. Wart mal, bis die Birte klingelt.
Sie:  Nö, ich will ja vorher weg sein, sonst –
Er:  Also tschüss schonmal – (ein Abschied mit größtmöglichem Aufwand an ritualisierten Sympathie- und innigen Zusammengehörigkeitsbezeugungen zum Beweis, dass sich keine Abneigung, kein Ekel entwickelt hat. Es klingelt)
Sie:  Also tschüss dann, machs gut –
Er:  Jaja, ich komm ja mit.
Sie:  -?
Er:  Du gehst hinten raus, ich lass vorne die Birte rein – wenn das einer sieht. Das wird den Leuten gefallen. Das sieht gut aus.
Sie:  Ja, sehr schön – machs gut.

Written by monologe

1. Juli 2016 at 11:52 am

Veröffentlicht in Aktuelles, Anekdote, Humor, Kultur, Leben, Literatur, Realität, Sprache

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Die „Causa Böhmermann“

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Die „Causa Böhmermann“,
ein alter Hut, in dem der Staatsanwalt offenbar noch immer nicht das gefunden hat, was sich da herausziehen lässt, war nach Böhmermanns „Sendepause“ und der darauf folgenden Bekanntmachung seiner darin gewonnen Erkenntnisse als Kapitel für sich immer noch interessant.
In dieser nicht demokratisch, sondern von Böhmermann selbst frei gewählten „Sendepause“ sei, sagte er, „die Fresse“ zu halten das Schlimmste gewesen.
Das scheint die erste selbstschließende „Fresse“ auf dem Markt nach Einführung selbstschließender Kofferraumklappen.
Ja, die „Fresse“, Schnauze war früher. Nun kommt erst die Fresse, dann die Moral.

Böhmermann, zweifellos ein klassischer deutscher Kasper, ein Zyniker auf den Zynismus, der mit dem Format der FlachbildGuckkästen und der dazu passenden 2D-Dauerkirmes davor auch monströses Format angenommen hat, schleckt sich selbst die Satire allmählich heran. Aber ob Satire auf einen so äußerst beliebten und berühmten, singenden VollvolkSatiriker erlaubt ist?
Womöglich macht man sich damit genauso unbeliebt, ja, unmöglich wie mit Initiierung gewisser Resolutionen?

Der „Zeit“ gab Böhmermann ein Interview:
Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht„.
Man hätte meinen können, eine Kanzlerin, und besonders diese unsere, wackelt nicht. Sie hat auch nicht gewackelt, sie wurde Wachs vor der Beleidigung Erdogans, aber weichen vor Böhmermann werden beide nicht.
Es sieht vielmehr so aus, als ob allerhand Böhmermann wackelt, nicht nur, weil etwa Privatsender winken, sondern weil Böhmermann die Aura eines Wackeldackels hat wie Erdogan die eines Droschkengauls.

Die Freiheit, Meinung zu machen, und die, die man nicht gemacht hat, zu denunzieren oder zu unterdrücken, ist ein hohes Gut. Das sagen alle Medien.

„Filetiert“ worden zu sein war ein ganz falscher Eindruck Böhmermanns.
Zum Tee wird niemals Filet serviert, auch kein falsches.
Böhmermann ist ein RiesenScherzkeks und von der Kanzlerin wahrscheinlich gestückelt, vielschichtig, nicht filetiert, sondern in Scheiben geschnitten als Kalter Igel (auch Kalter Hund oder Kalte Schnauze) wie zum Kindergeburtstag dem „nervenkranken Despoten“ zum Tee serviert worden.
Das sollte Böhmermann übers AnscheißenWeilMansKann doch wissen: die Kanzlerin war so frei, Ansicht und Meinung des „nervenkranken Despoten“ zu teilen, ihm bei Tee mit kalter Schnauze aus Scherzkeks die Gelegenheit zu bieten, sich im Sinn des §103 innig beleidigt zu fühlen.
Sie hatte beschlossen, der Böhmermann soll auch was davon haben, gab ohne Wackeln nach und „ermächtigte“ den Staatsanwalt, mit der Beleidigung an der Hand hinabzusteigen in die Gruft, wo der Hund als Paragraph begraben liegt und die Majestät spukt.
Dort unten lässt sich für die neuen Gespenster der alten Geist beschwören, und wenn er vor ihnen erscheint, ist zu entscheiden, ob er reanimiert werden und wieder zupacken soll.
Es ist auch das durchaus ein satirisches Spektakel und gehört zum Gesamtkunstwerk.

Man darf annehmen, dass durch den §103 in Exzellenzen das Gefühl, eine Majestät zu sein und sich im Sinn des § als solche auch beleidigt fühlen zu dürfen, nicht nur gefördert, sondern erst geweckt wird, sich entfaltet und auffliegt, und dass dieses Gefühl von einer Größe ist, die alle etwaigen Gefühle (besonders eines „nervenkranken Despoten“ gegenüber der Freiheit eines Böhmermann, die Meinung zu haben, dass er etwas sagen dürfe, wenn er zuvor einräumt, dass ers nicht sagen darf und niemand sonst) mehr als entbehrlich macht.

Im übrigen kann weder Despoten noch Kanzler*innen irgendein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn sie den §103 auf Zuständigkeit für ihre Meinung von Hoheit und Majestät und als solche beleidigt worden zu sein überprüfen lassen, solange dieser § noch existiert und weil er existiert.
Noch vor ein paar Tagen schien dieser § zwar heute schon überflüssig, ein schneller, salomonisch weiser Beschluss bestimmte aber, dass er im Moment systemrelevant und alternativlos ist und erst 2018 abgeschafft werden soll.

Man denkt nicht darüber nach, einen Regierungssatiriker anzustellen.

Auch der Kaiser dürfte seinerzeit nicht im Traum daran gedacht haben, sich für den satirischen Ernstfall einen beamteten Gegensatiriker zu halten; die Bundesregierung hält sich bisher nur einen Deutschlandsender – oder dieser hält jene, alles ganz unverbindlich -, aber da gibts höchstens ein bisschen phrasierte Ironie und öffentlich-gestisches Getu für ein imaginäres Publikum, also die „Menschen “, die dankbar sind für jede emotionale MeinungsAnimation, aber es gibt keine Satiriker schmerzende GegenSatire.
Mit dem §103 hat die Bundesregierung nun immerhin etwas wie einen anachronistischen echten Schupo von der Sorte „Wenn Se wissen wolln, wat lustig is, sinds se bei mir jenau richtig – nee, det Denken überlassen Se mal den Pferden.“, der nichts kostet und den sie natürlich so schnell auch nicht loslassen will.

Sollte Böhmermann also zwei Jahre kriegen, dann wäre dieser § plötzlich und „unerwartet“ ein höchst erfolgreicher Paragraph, nicht nur deshalb, weil Böhmermann dann volle zwei Jahre „ Fresse“ und „Schnauze“ halten müsste, sondern hauptsächlich darum, weil dieser § anwendbar gewesen ist und darum nicht überflüssig sein kann.

Zu all dem haben Erkundungen ergeben, dass von einer Anzahl in Deutschland lebender Türken „im hohen dreistelligen Bereich“ gleich Erdogan Anzeige erstattet worden ist!
Was genau da angezeigt wurde – eine Beleidigung Erdogans?, dass man selbst beleidigt wurde? -, ist leichthin unbekannt geblieben, selbst Frau Will hat vermutlich in Rücksicht auf die seelische Verfassung des alter ego Beleidigten neben ihr gekonnt nicht nachgefragen wollen.
Doch bedeutet diese hohe dreistellige Anzahl von Anzeigen gegen einen Beleidiger Vervielfachung und Druck durch eine Art Treue, die in der Kaiser- und Blütezeit* des §103 in Deutschland unbekannt war und daher nicht erfasst werden konnte, denn man kannte seinerzeit nur Nibelungentreue.

Im aktuellen Fall wurde, falls jemand fragte, gelegentlich sogar die freie Meinung geäußert, es sei sogar das ganze türkische Volk beleidigt worden gemeinsam mit dem „nervenkranken Despoten“.
Warum also den §103 nicht gleich zuständig machen für ein Volk, wenn es sich als ego ihrer Hoheiten, Exzellenzen und Oberhäupter ebenso beleidigt fühlt? Es würde den Hoheiten die erniedrigende Mühe ersparen, die Anzeige selbst vorzunehmen.

Die Anzeige wegen Beleidigung ist für die Getreuen einer Exzellenz Majestät natürlich unvermeidlich, weil sie wissen, Ihre Exzellenz Majestät wird die Häupter seiner Getreuen im Ausland zählen.
Da möchte keines fehlen.
So ist zwar ebenso unvermeidlich, dass der Geheimdienst des Landes des Beleidigers Gelegenheit bekommt, die Häupter der jeweils 5. Kolonne zu zählen; doch ein Schelm, wer im Fall Erdogan an sowas denkt und vergisst, dass der Geheimdienst bei uns andere Sorgen hat.

Jedenfalls der §103 muss womöglich in Würdigung dieser Erdoganentreue novelliert werden.
Meint also sie*er, eine ihr*ihm in der fernen Heimat nahestehende Hoheit sei beleidigt worden und es handele sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die*der sollte frei die Anwendung des §103 fordern dürfen, genauso wie etwa Böhmermann Satire, Karikatur, Kasperstück zur Anwendung bringt in der freien Meinung, dass sein Werk ohne Zweifel eins von den dreien ist und eine Beleidigung im Sinn des §103 dadurch ausgeschlossen!
Das alles bildet eine moderne harmonische Echtzeit KulturEinheit und Bildung ist wichtig.

Nun Böhmermann ein deutscher Ai WeiWei? Ai WeiWei demnach ein chinesischer Böhmermann?
Zwischen einem, der zeigt, was man nicht machen darf, obwohl mans kann, und einem, der zeigt, was man machen soll, wenn mans kann – zwischen solchen besteht ein Unterschied wie der zwischen einem, der der Welt zeigt, was eine Harke ist, und einem, der der Welt zeigt, was eine Gießkanne ist.
Es gibt speziell für die Kanzlerin keine Möglichkeit, aus Böhmermann einen deutschen Ai WeiWei zu machen.

Zu einem Au WeiWei wirds vielleicht reichen – wenn die deutsche Satire alle Augen zudrückt.
Ein deutscher Kasper hat nur die Möglichkeit, die Rolle des Karagöz zu übernehmen – bestenfalls -, des TürkenKaspers, und als solcher dem Erdogan zu zeigen, was eine Harke ist.
Doch als Karagöz hätte er den Erdogan zitieren müssen.

Ein Kasper, gleich welcher Nationalität, ist stets aktuell und hat das Gedächtnis eines Elefanten, ohne das es bei der Satire nicht geht:
Vor gut einem Jahr hat Erdogan zum (wieder aktuellen) Thema „Völkermord an den Armeniern“ verkündet, Völkermord, das sei ein so schlimmes Verbrechen, dass es die Türkei gar nicht begangen haben könne.
Was bräuchte ein Satiriker Böhmermann denn für seine Fresse noch, als dass ihm eine Beleidigung Erdogans gleichwohl als ein so schlimmes Verbrechen erscheint, dass er es gar nicht begangen haben kann?

Aber Essig. Nun heißt es Tee trinkend abwarten, ob es der Böhmermann durchaus begangen haben kann.
Das, worauf er den Anspruch der Meinungsfreiheit erhebt, könnte eben gerade noch so durchschlüpfen. Mehr Anspruch hat es nicht.
Dass irgendein Gericht ein paar Zeilen von seinem Schmäh konfisziert hat, bedeutet auch nichts weiter, als dass Pferdefleisch aus einer Lasagne geklaubt wurde. Wenns nun noch immer spannend erscheint, wie der „Ermächtigte“ entscheiden wird – mehr könnte man nicht verlangen.

*Die „Causa“ bietet immerhin Anlass, an einen aus der Blütezeit der Majestätsbeleidigung zu erinnern, der nach Verbreitung zweier satirischer Gedichte auf Kaiser Wilhelm II (dieser 1901: „Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr.“), welche er auf dessen pompöse „Reise ins Heilige Land“ 1898 geschrieben hatte, zunächst nach Paris fliehen musste, aber schon 1899 nach Deutschland zurückkehrte und prompt wegen Majestätsbeleidigung zu einem Jahr Festungshaft verurteilt wurde.
Davon saß er bis zur Begnadigung ein halbes Jahr in der Festung Königstein ab:
Frank Wedekind (1864-1918).

Erstaunlich, wie aktuell er ist:

Des Dichters Klage

Schwer ist’s heute, ein Gedicht zu machen,
Darum läßt man es am besten sein;
Wenn die Menschen wirklich drüber lachen,
Sperrt man den Verfasser meistens ein;
Wenn sie sich jedoch in Tränen winden,
Dann verhungert schließlich der Poet,
Deshalb wird man es begreiflich finden,
Daß die Poesie zugrunde geht.

Niemand weiß die Freiheit so zu schätzen
Wie der Dichter oder Redakteur;
Wenn sie ihn in das Gefängnis setzen,
Schreibt er manchmal überhaupt nichts mehr.
Statt in die Geschichte der Kalifen
Oder in die Dame, die er liebt,
Seine schöne Seele zu vertiefen,
Fängt er Fliegen, wenn es welche gibt.

Ließe sich die Allmacht doch erweichen,
Die den Menschen mit dem Fluch bedacht,
Daß er immer über seinesgleichen
Witze, Dramen und Novellen macht!
Zählt die Zuchthaus-Jahre man zusammen,
Die von lyrischen Gedichten her
Und von ähnlichen Verbrechen stammen,
Ein Jahrtausend gibt es ungefähr!

In der Politik, das muß man sagen,
Geht ja freilich alles wie geschmiert:
Unsre Größe liegt der Welt im Magen,
Und damit man gänzlich nicht verliert,
Bleiben Schweine dauernd ausgeschlossen,
Weil man ohnehin genug versaut. –
Fröhlich schnarchen Mirbach und Genossen
Wie vorzeiten auf der Bärenhaut.

Schade nur, daß wir nicht vorgeschritten
In der Politik wie Rußland sind;
Unsre Leute muß man immer bitten,
Bis man ihnen etwas abgewinnt.
Dort hingegen braucht man nur zu sagen:
Liebe Kinder, macht die Börse breit,
Sonst wird euch der Kopf vom Rumpf geschlagen!
Käm‘ es endlich auch bei uns so weit!

War nicht Bismarck doch ein arger Stümper,
Daß er stets dagegen sich gesträubt?
Wolle Gott, daß nichts von seiner zimper-
Lichen Staatsraison am Leben bleibt!
Nichts als Nörgler hat er uns geschaffen,
Von dem kindlichsten Vertrauen voll;
Dabei stritt er sich sogar mit Pfaffen!
Ist ein solcher Mensch nicht grauenvoll?

Doch ich weiß uns Rat aus der Bedrängnis:
Laßt den Reichstags-Kasten nur in ein
Majestäts-Beleidigungs-Gefängnis
Umgebaut und umgewandelt sein,
Dann sind wir erlöst von allem Bösen;
Tierisch vegetiert des Volkes Sinn,
Und ich bleibe, wie ich stets gewesen,
Ihr devoter Dichter
Benjamin

+

Der Zoologe von Berlin

Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen
Einem Zoologen in Berlin!
Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen
Vor den Untersuchungsrichter hin.
Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,
Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet
Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,
Daß beleidigt er die Majestät.

Dieser sprach: »Herr Richter, ungeheuer
Ist die Schuld, die man mir unterlegt;
Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer,
Hat noch nirgends Ärgernis erregt.
Soweit ist die Wissenschaft gediehen,
Daß es längst in Kinderbüchern steht.
Wenn Sie das auf Majestät beziehen,
Dann beleidigen Sie die Majestät!

Vor der Majestät, das kann ich schwören,
Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
Ja, es freut mich oft sogar zu hören,
Wenn man den Beleidiger entdeckt;
Denn dann wird die Majestät erst sehen,
Ob sie majestätisch nach Gebühr.
Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,
Zweifelsohne doch ein Säugetier.

Ebenso hab vor den Staatsgewalten
Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt,
Auf Kommando oft das Maul gehalten
Und vor Anarchisten ausgespuckt.
Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,
Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.
Aber deshalb kann ich von den Schweinen
Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.

Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter,
Unbegrenzten menschlichen Respekt!
Läßt du doch die ärgsten Bösewichter
In Berlin gewöhnlich unentdeckt.
Doch wenn hochzurufen ich mich sehne
Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,
Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?
Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?«

Also war das Wort des Zoologen,
Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;
Und nachdem man alles wohl erwogen,
Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein jeder, wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung.

Tauberität und Maasfülle

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Dieses von CDU-Generalsekretär Tauber Gesagte war Anfang Mai erschienen:
Das auf dem AfD-Parteitag Diskutierte ist nicht konservativ, ist nicht patriotisch, ist nicht freiheitlich, sondern ist vor allem reaktionär und autoritär.[…] Die Haltung der AfD ist ausgrenzend“.

Das ist online nicht mehr auffindbar, stattdessen:
Die Debatten auf dem Parteitag zeigen: Die AfD will zurück in eine Bundesrepublik, die es so nie gab. Das ist nicht konservativ, sondern reaktionär

Vor zwei Tagen nun wurde von „Spiegel Online“, „ZEIT ONLINE“ und „Süddeutsche.de“ jeweils derselbe Artikel veröffentlicht, also vermutlich voneinander abgeschrieben, in dem zum gleichen Thema Justizminister Maas zitiert wird; die interessantesten Auszüge daraus:
„‘Die AfD – das sind Brüder im Geiste von Wladimir Putin, Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan: nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich’[…]
‘Unser Land hat eine trübe Vergangenheit, aber die Generation unserer Eltern hat ein modernes Deutschland geschaffen: weltoffen und liberal im Innern, gute Nachbarn und friedliche Partner nach außen. Natürlich ist unser Land nicht perfekt, aber eines ist klar – die Rechtspopulisten sind keine gute Alternative für Deutschland’ […]
‘Sie
(die AfD) muss sich an ihren Worten festhalten lassen. Das AfD-Programm ist der Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern’ […]
‘Statt die AfD zu dämonisieren, müssen wir die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihr führen.’ Allerdings sei es nicht einfach, ‘mit Menschen zu diskutieren, die Fakten ignorieren, überall ‚Elitenbetrug‘ oder ‚Lügenpresse‘ wittern und ihre Realität aus den Verschwörungszirkeln des Internets zusammenklauben’

Glücklicherweise ist unserem Maas der Begriff „Bauernfänger “ nicht herausgerutscht, obwohl die AfD, wenn man die Maas´sche Aufklärung richtig versteht, freilich genau solche am leichtesten fängt, die einen Liter Milch für unter 20 Cent verkaufen, obwohl sie davon nicht existieren können. Deppen, die sich die Realität aus ihrer Wirklichkeit zusammenklauben, könnten sich in ihrer Not von der SPD als Bruder im Geiste verlassen fühlen, die inhaltlichen Auseinandersetzungen satt haben, aus der Witterung von Ignoranz und „Elitenbetrug“ allüberall eine Tugend machen und folgerichtig die AfD wählen.

Es gibt Menschen. die nach der Aufklärung von Maas eine starke Bestätigung darin sehen, dass es besonders für diesen schwierig ist, mit Menschen zu diskutieren, denen jegliche „Zusammenarbeit“ verweigert wird, „die Fakten ignorieren, überall ‚Elitenbetrug‘ oder ‚Lügenpresse‘ wittern und ihre Realität aus den Verschwörungszirkeln des Internets zusammenklauben“.
In einer solchen Partei könnten sich gerade die Bauern wie zu Hause fühlen.
Und dass ihnen alle Schreckgespenster der Neuzeit (Kim Jong-un wurde sicher nicht genannt, weil er auch dabei sein wollte) als Brüder im Geist untergejubelt werden, wird sie nicht besonders schrecken. Die sind weit.
Die Bauern werden allerhöchstens fragen, was ist ein „Bruder im Geist“ eines Erdogan?

Davon abgesehen, dass man – im Geist – jedermanns*fraus Bruder*Schwester sein darf: ist das nun der wahre Erdogan oder Mittel zum Zweck, der verhetzten Meute den kürzesten Weg zu legen zum geistigen Bruder im Sinne von  „Haltet den geistigen Bruder!“?

Ja, halt!, sollte unserem Maas da in der freudigen Erregung – die Aufführung des Erdogan als geistiges Ideal ist ja nicht ganz ohne Reiz!
„…nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich […] Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern…“ – das muss man sich aus „Verschwörungszirkeln des Internets zusammenklauben“?

Maas hat ganz vergessen, „Islamfeindlichkeit“, „Islamophobie“ bei der AfD zu diagnostizieren.
Zwar hält er es nicht für nötig, seine anderen Befunde zu belegen, doch da er sichs nicht verkneifen konnte, als Bruder im Geiste der AfD unseren ehemaligen Freund Erdogan zu nennen, kann er in Folge davon der AfD nur sehr schlecht Islamfeindlichkeit attestieren. Denn damit wäre ja Erdogan – kaum auszudenken!
Aber Maas konnte einfach nicht widerstehen. Die AfD in die Nähe der aktuell dem Volke unsympathischsten Staatenlenker zu schieben, ja, geistig zu verbrüdern (Kim Jong-un ist vielleicht zu grotesk gewesen?) ist eine ultima ratio. Die letzte Hoffnung auf Erdogans, Putins, Trumps abstoßende Wirkung zu setzen war einfach zu verlockend, so sehr es den Maas verdrossen haben mag, die abstoßende Wirkung der Islamfeindlichkeit dafür opfern zu müssen.
Der Afd einerseits geistiger Bruder Erdogans, andererseits islamfeindlich-phobisch, das ist halt nicht gegangen.
Doch gibt es die begründete Hoffnung, dass die Freicorps der Wahrheitspresse durchaus den nötigen Ersatz leisten.

Natürlich ist nicht alles perfekt. Maas muss hoffen, dass wenigstens Putin, Erdogan und Trump in der Weise wirken, wie er sichs von ihnen erhofft. Wenn ja, wird er froh sein, dass es sie gegeben hat, die Lieben; lieben sollst du deine Feinde.

Dass der Maas den Erdogan nach dessen Popanzitierung als die rechte Backe derer hinhält, die durch jeden Dreck zu ihm gezogen werden, das ist natürlich nur zum Gebrauch für den gedachten guten Zweck bestimmt, ansonsten ist wohl auch das Satire, Kunst, denn es lässt sich ja leicht vorstellen, was es für ein Fressen für Erdogan wäre, wenn er findet, dass der Maas ihn ganz unsatirisch und nicht als geistiger Bruder Böhmermanns zusammen mit Trump und Putin als geistigen großen Bruder der AfD qualifiziert hat!
Da wird es dem Maas auch nicht helfen, dass er einen Kim Jong-un und die gesamte chinesische Führung ausgeschlossen hat (Castro zieht nicht mehr und Kaczinski? Ob der über die AfD für Erdogan als geistiger Bruder in Frage kommt, dessen war Maas sich offenbar schon vor drei Tagen nicht ganz sicher, und wirklich, gestern meldete die „Die Welt“: „Sängerinnen, Veganer und Psychologiestudenten gegen Kaczynski: Die polnische Opposition sammelt sich und plant einen langen Marsch. Die konservative Revolution ist ins Stocken geraten.“ Polen ist also noch nicht verloren).

Für die Gegner der AfD stellt sich nun erst die spannendste aller Fragen:
gehört die AfD nach allem, was man jetzt über sie weiß, zu Deutschland?

Es wurde außerdem gemeldet: Schäuble will die Steuern senken für die mittleren Einkommen.
Nach 1017.

Neues auch von der Kundenanimation: „#ImPerfekt“. Obwohl der Imperfekt out ist.

Kachelmann

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Der Rechtsstreit, den der als vermutlich unschuldig freigesprochene Kachelmann gegen die BILD-Zeitung anstrengt über die Höhe einer Entschädigung wegen gerichtlich festgestellter Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte durch die BILD-Zeitung, geht, wie man hört, in die Revision.
Zugesprochen wurden ihm 635 000 Euro, Kachelmann jedoch will 950 000 Euro, und die BILD-Zeitung will nicht zahlen. Und das sieht man am Wetter.

Wie die Kanzlerin und das Wahre, die Ölindustrie und die Enegieriesen, die Wohnungsvermieter und die Preisentwickler meint auch die BILD-Zeitung, wir schaffen das? Wir halten dieses Sauwetter noch eine kleine Weile, also nur vielleicht höchstens noch den Sommer über aus?

Alles Maß und jede Bindung scheint zum Schicksal modernisiert und deren Bestimmung Gott zugeeignet worden zu sein; der Mensch mag denken, was er will, Gott lenkt und trägt die Verantwortung – wenn mit einer ebenso unauffälligen wie farblosen Revolution die Freiheit der Kraftstoffpreise von jeder Bindung erkämpft worden und vieles andere von Bindung, Maß und Halt plötzlich frei, losgelassen oder losgkommen ist, sollte allein das Wetter noch an Jahreszeiten gebunden, die Temperatur ihm noch ein Maß geblieben sein?

Kachelmann war ARD- Wetter-Frosch, wurde im Zuge des Vorwurfes, eine Vergewaltigung begangen zu haben, entlassen – nach seinem Freispruch rehabilitiert und wieder eingestellt? Nein.
Woran fühlt die ARD sich gebunden? Woran eigentlich fühlen die öffentlich-rechtlichen Anstalten sich leichthin so streng gebunden wie die Bürger an die Pflicht, Rundfunkgebühren zu zahlen, diese Frage steht ohnehin.
Kachelmann moderierte eine Talk-Show – auch hier weg mit ihm und kein Pardon. Es bleibt eben immer etwas hängen.
Die BILD-Zeitung, die niemand liest, hat Kachelmann durch einen Dreck gezogen, der, wie sich herausstellte, der ihre war. Sie hat dessen Persönlichkeitsrechte derart missachtet, dass ihm nicht nur Freispruch, sondern auch Anspruch auf Entschädigung zuerkannt werden musste.
Woran fühlte sich die BILD-Zeitung gebunden, was war ihr Maß?
Hätte sie sich nicht an ein Maß gebunden fühlen müssen, dessen Einhaltung zumindest sichert, dass nach einem Freispruch Kachelmanns, dem sie einen Respekt nicht mehr erweisen zu müssen glaubte, weil er der Vergewaltigung angeklagt war, nicht sie selbst verurteilt wird – nicht wegen Vergewaltigung, doch näher dran an jener Schande, die sie als ihr gefundenes Fressen verkauft hat.
Kachelmann hat das Höchstmaß dessen bekommen, was das Gesetz bei Unschuldsvermutung vorsieht: Freispruch, BILD wurde verurteilt. Freilich, nun wird niemand sie mehr lesen –

Wird es Frühling? Immerhin seit dem Tag, an dem Kachelmanns Revision verhandelt wurde, vorigen Donnerstag. Das spricht für Optimismus.
Gewiss hat das Göttliche, dem allgemeinen Trend folgend, das Wetter aus Diktatur und Abhängigkeit in die Freiheit entlassen, womöglich nach Sturz, wer wird es genau wissen, und so hat es sich Kachelmann angeschlossen. Gern ließ es sich von ihm voraussagen, erklären, deuten, besonders im Öffentlich-Rechtlichen.
Was Deutung und Erklärung der Großwetterlage betrifft, ist das Öffentlich-Rechtliche eine Heimstatt. Niemand ist so frei wie sie, zu erklären Freiheit, Demokratie, Rechte, gelegentlich auch Linke, und für die Erklärung dessen, was gerade geschieht, hält es Heerscharen Experten. Ebenso hält es sie an, vorauszusagen, was geschehen könnte, wenn usw., wie ja auch der Wetterhahn durch Krähen auf dem Mist kompetent darüber informiert, dass das Wetter sich ändert, oder es bleibt, wie´s ist.
Das Öffentlich-Rechtliche hat gern Freiheit in gesicherten Verhältnissen, wie das Wetter auch. Der Alternativlosigkeit hängt es genauso an wie das Wetter, für das und zu dem es ohne jeden Zweifel keine Alternative gibt.
Alles aber muss sich an etwas halten, selbst die Realität.
Das Öffentlich Rechtliche hat beschlossen, sich an die Kanzlerin zu halten, das Wetter hat beschlossen, ich halte mich an Kachelmann. Auch das in Treue fest, zumindest solange – nunja, die BILD-Zeitung soll zahlen, was sie verdient hat!
Denn so leer vom Kachelmann die Kass, wird der Maien kalt und nass,
soll der Sommer uns versöhnen, will das Wetter, BILD muss löhnen,
und den Alpen wieviel Schnee? – schau Kachelmann ins Portmonee!

 

Vom deutschen Humor

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Vor kurzem hat ein Kabarettist in die Kamera dem deutschen Publikum vom deutschen Humor gesprochen, rief, es heiße, die Deutschen „hätten“ keinen Humor, und das rege ihn jedesmal auf.
Es gebe soundsoviele Kleinkunstbühnen (so um 150) und so weiter, und das sei ja wohl der beste Beweis und so weiter.
Man hört nie jemanden sagen, die Deutschen seien gesund, denn es gebe im Land schließlich soundsoviele Krankenhäuser.
Genausowenig hört man, dass soundsoviele Schulen und Universitäten von der Klugheit und der hohen Bildung der Deutschen zeugen, denn es ist mit all dem so wie mit dem Humor: man ist gesund, wenn man trotz der Krankenhäuser gesund ist, gebildet, wenn man trotz der Schulen, besonders trotz der Unis gebildet ist und einen Humor hat man, wenn man trotz des deutschen Humors lacht.
Es schwimmt, wer schwimmen kann. Das gilt jedoch nur für Freibäder. Auf dem Meer schwimmt so mancher, der nicht schwimmen kann, schwimmen kann also auch hier, wer trotzdem schwimmt?

Was den Humor der Deutschen betrifft, gewiss, in den Kabaretts und Comedy-Arenen wird gelacht, aber sonst trotzdem nicht.
Es ist ja eine kühne Behauptung, es beweise Humor, wenn in Kabaretts gelacht werde. Man wird wohl eher annehmen können, dass in Kabaretts gelacht wird, trotzdem man humorlos ist und dass es Humorlosigkeit beweist, wenn man woanders trotzdem nicht lacht.
Es muss ja einer, der über einen Witz nicht lacht, nicht humorlos sein. Möglicherweise lacht er darum nicht über den Witz, eben weil er witzig ist. Über einen witzigen Witz zu lachen kann man ohne weiteres banal und abgeschmackt finden.
Da lacht der deutsche Humor trotzdem.

Ein schönes Beispiel hierfür lieferte ein Komiker namens „Pufpaff“, der die Leute mit ungefähr Folgendem mehrfach und ganz besonders mit der Pointe zum Lachen brachte: zunächst klärte er darüber auf, dass aus einem Regenwurm nicht zwei werden, wenn man ihn durchschneidet. Es gebe allerdings einen Wurm, der diese Eigenschaft biete. Man könne ihn in einen Mixer tun, es entstehe eine ganze Truppe Würmer (Gelächter).
Dieser Wurm, behauptete Komiker Pufpaff, sei nun allerdings das dümmste Lebewesen auf dem Globus. Es gebe kein anderes, das so dumm sei wie dieser Wurm (Gelächter). Fragte dann, wie man das wohl testen könne.
Er stelle sich da – einen Stuhlkreis vor (Gelächter). Es säßen mit diesem Wurm in der Runde also zusammen dieser und jener und – Pointe – Seehofer (Gelächter).
Das war so witzig, dass der deutsche Humor nicht anders konnte, als trotzdem zu lachen.
So gehts ihm immer, wenn er da zum Lachen gebracht wird, wo er zum Lachen hingetragen worden ist.

Nun gibt es auch und vielleicht besonders in Deutschland, außerhalb von Kabarett und Komedy, Witze, die nicht witzig sind.
Der zugehörige Humor müsste hier den ganzen Tag lachen, scheint jedoch unsicher oder fürchtet, dass er ernst genommen werden könnte.
Tatsächlich gibt es Leute, die den ganzen Tag lächeln: naiv, grimassenhaft, kalt, verzweifelt auch, irre mitunter sowie in Gestalt eines berufsmäßigen Grinsens. Manche lächeln glücklich in die Kameras, die meisten wegen Kundschaft in die Kundschaft; wenn keine Kundschaft da ist, kann das Lächeln trotzdem nach langen Jahren dauerhaft geworden sein.
Denn der deutsche Humor ist vor allem Kunde, und offenbar einer, dem man vorsichtshalber nicht unfreundlich begegnen sollte. Bei allem Humor, den er sich leistet, heißt es: trotzdem immer (nur) lächeln.
Die Dauerlächler werden allerdings weniger. Leere mit Musik, begeistertes Anlachen von Null auf Hundertachtzig wie nix, das mehrt sich.

Übrigens hat Komedien „Pufpaff“, geborener deutscher Komiker, von der Bühne auf die Mattscheiben verkündet, es gebe keine Ausländer, es gebe nur Arschlöcher und keine Arschlöcher, womit er dem deutschen Humor in Direktvermarktung zwei hellerleuchtete Pufpaffsche Gestirne samt Horizont zur Orientierung geliefert hat: Arschloch und kein Arschloch.
Das ist moderne Satire.
Früher war sie vielsagender, wenn das Publikum auf Arschloch kam, blieb ihm das Lachen im Halse stecken. Heute ist die Satire auf  Arschloch gekommen, dafür lacht das Publikum aus voller Kehle.
Kein Arschloch war noch im sicheren Ausland.

Man versteht das alles, wenn man weiß, dass der moderne deutsche Humor sich während und zwischen zwei Weltkriegen samt Inflation und Weltwirtschaftskrise entwickeln musste aus rohem gelegentlichen Galgenhumor, der lachte, trotzdem ein anderer hing. Er hat es oft fotografiert.
Dieser mauserte sich zunächst zum subtilen deutschen Herrenhumor, der mit der Zahnbürste sauber machen und „Jedem das Seine“ und „Arbeit macht frei“ in die schmiedeeisernen Eingangstore von Buchenwald und Auschwitz einprangen ließ.
Er hat Lagerkapellen „Muss i denn ins Städtele hinaus“ spielen lassen als Begleitmusik, trotzdem es in die Gaskammern hineinging.

In Friedenszeiten, wenn die Menschenbestie gebändigt, ist er an und für sich immer bereit zu der Auskunft, dass das Leben hart und kein Wunschkonzert sei, man nichts zu lachen habe, sich dem Ernst des Lebens stellen und just da bewähren müsse, und einem jeden, der darüber trotzdem lacht, gratis die Lebenserfahrung vorauszusagen, das Lachen werde ihm schon noch vergehen.
Ja, sagt er, scheiße, aber man muss das Beste draus machen.

Durch alle Zeiten ist es auch der deutsche Humor, der dafür sorgt, dass der deutsche Humor trotzdem nichts zu lachen hat und dass das pflichtbewusst kontrolliert wird. Da ist er bestrebt, besonders vom deutschen Humor ernst genommen zu werden. Komisch, nicht?
Und wenn man trotzdem lacht?

Ja, er ist anspruchsvoll, der deutsche Humor, du musst keinen Spaß verstehen: lache trotzdem!
Du wirst schon sehn, es lohnt sich.

Written by monologe

6. März 2016 at 3:00 pm