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Die „Causa Böhmermann“

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Die „Causa Böhmermann“,
ein alter Hut, in dem der Staatsanwalt offenbar noch immer nicht das gefunden hat, was sich da herausziehen lässt, war nach Böhmermanns „Sendepause“ und der darauf folgenden Bekanntmachung seiner darin gewonnen Erkenntnisse als Kapitel für sich immer noch interessant.
In dieser nicht demokratisch, sondern von Böhmermann selbst frei gewählten „Sendepause“ sei, sagte er, „die Fresse“ zu halten das Schlimmste gewesen.
Das scheint die erste selbstschließende „Fresse“ auf dem Markt nach Einführung selbstschließender Kofferraumklappen.
Ja, die „Fresse“, Schnauze war früher. Nun kommt erst die Fresse, dann die Moral.

Böhmermann, zweifellos ein klassischer deutscher Kasper, ein Zyniker auf den Zynismus, der mit dem Format der FlachbildGuckkästen und der dazu passenden 2D-Dauerkirmes davor auch monströses Format angenommen hat, schleckt sich selbst die Satire allmählich heran. Aber ob Satire auf einen so äußerst beliebten und berühmten, singenden VollvolkSatiriker erlaubt ist?
Womöglich macht man sich damit genauso unbeliebt, ja, unmöglich wie mit Initiierung gewisser Resolutionen?

Der „Zeit“ gab Böhmermann ein Interview:
Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht„.
Man hätte meinen können, eine Kanzlerin, und besonders diese unsere, wackelt nicht. Sie hat auch nicht gewackelt, sie wurde Wachs vor der Beleidigung Erdogans, aber weichen vor Böhmermann werden beide nicht.
Es sieht vielmehr so aus, als ob allerhand Böhmermann wackelt, nicht nur, weil etwa Privatsender winken, sondern weil Böhmermann die Aura eines Wackeldackels hat wie Erdogan die eines Droschkengauls.

Die Freiheit, Meinung zu machen, und die, die man nicht gemacht hat, zu denunzieren oder zu unterdrücken, ist ein hohes Gut. Das sagen alle Medien.

„Filetiert“ worden zu sein war ein ganz falscher Eindruck Böhmermanns.
Zum Tee wird niemals Filet serviert, auch kein falsches.
Böhmermann ist ein RiesenScherzkeks und von der Kanzlerin wahrscheinlich gestückelt, vielschichtig, nicht filetiert, sondern in Scheiben geschnitten als Kalter Igel (auch Kalter Hund oder Kalte Schnauze) wie zum Kindergeburtstag dem „nervenkranken Despoten“ zum Tee serviert worden.
Das sollte Böhmermann übers AnscheißenWeilMansKann doch wissen: die Kanzlerin war so frei, Ansicht und Meinung des „nervenkranken Despoten“ zu teilen, ihm bei Tee mit kalter Schnauze aus Scherzkeks die Gelegenheit zu bieten, sich im Sinn des §103 innig beleidigt zu fühlen.
Sie hatte beschlossen, der Böhmermann soll auch was davon haben, gab ohne Wackeln nach und „ermächtigte“ den Staatsanwalt, mit der Beleidigung an der Hand hinabzusteigen in die Gruft, wo der Hund als Paragraph begraben liegt und die Majestät spukt.
Dort unten lässt sich für die neuen Gespenster der alten Geist beschwören, und wenn er vor ihnen erscheint, ist zu entscheiden, ob er reanimiert werden und wieder zupacken soll.
Es ist auch das durchaus ein satirisches Spektakel und gehört zum Gesamtkunstwerk.

Man darf annehmen, dass durch den §103 in Exzellenzen das Gefühl, eine Majestät zu sein und sich im Sinn des § als solche auch beleidigt fühlen zu dürfen, nicht nur gefördert, sondern erst geweckt wird, sich entfaltet und auffliegt, und dass dieses Gefühl von einer Größe ist, die alle etwaigen Gefühle (besonders eines „nervenkranken Despoten“ gegenüber der Freiheit eines Böhmermann, die Meinung zu haben, dass er etwas sagen dürfe, wenn er zuvor einräumt, dass ers nicht sagen darf und niemand sonst) mehr als entbehrlich macht.

Im übrigen kann weder Despoten noch Kanzler*innen irgendein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn sie den §103 auf Zuständigkeit für ihre Meinung von Hoheit und Majestät und als solche beleidigt worden zu sein überprüfen lassen, solange dieser § noch existiert und weil er existiert.
Noch vor ein paar Tagen schien dieser § zwar heute schon überflüssig, ein schneller, salomonisch weiser Beschluss bestimmte aber, dass er im Moment systemrelevant und alternativlos ist und erst 2018 abgeschafft werden soll.

Man denkt nicht darüber nach, einen Regierungssatiriker anzustellen.

Auch der Kaiser dürfte seinerzeit nicht im Traum daran gedacht haben, sich für den satirischen Ernstfall einen beamteten Gegensatiriker zu halten; die Bundesregierung hält sich bisher nur einen Deutschlandsender – oder dieser hält jene, alles ganz unverbindlich -, aber da gibts höchstens ein bisschen phrasierte Ironie und öffentlich-gestisches Getu für ein imaginäres Publikum, also die „Menschen “, die dankbar sind für jede emotionale MeinungsAnimation, aber es gibt keine Satiriker schmerzende GegenSatire.
Mit dem §103 hat die Bundesregierung nun immerhin etwas wie einen anachronistischen echten Schupo von der Sorte „Wenn Se wissen wolln, wat lustig is, sinds se bei mir jenau richtig – nee, det Denken überlassen Se mal den Pferden.“, der nichts kostet und den sie natürlich so schnell auch nicht loslassen will.

Sollte Böhmermann also zwei Jahre kriegen, dann wäre dieser § plötzlich und „unerwartet“ ein höchst erfolgreicher Paragraph, nicht nur deshalb, weil Böhmermann dann volle zwei Jahre „ Fresse“ und „Schnauze“ halten müsste, sondern hauptsächlich darum, weil dieser § anwendbar gewesen ist und darum nicht überflüssig sein kann.

Zu all dem haben Erkundungen ergeben, dass von einer Anzahl in Deutschland lebender Türken „im hohen dreistelligen Bereich“ gleich Erdogan Anzeige erstattet worden ist!
Was genau da angezeigt wurde – eine Beleidigung Erdogans?, dass man selbst beleidigt wurde? -, ist leichthin unbekannt geblieben, selbst Frau Will hat vermutlich in Rücksicht auf die seelische Verfassung des alter ego Beleidigten neben ihr gekonnt nicht nachgefragen wollen.
Doch bedeutet diese hohe dreistellige Anzahl von Anzeigen gegen einen Beleidiger Vervielfachung und Druck durch eine Art Treue, die in der Kaiser- und Blütezeit* des §103 in Deutschland unbekannt war und daher nicht erfasst werden konnte, denn man kannte seinerzeit nur Nibelungentreue.

Im aktuellen Fall wurde, falls jemand fragte, gelegentlich sogar die freie Meinung geäußert, es sei sogar das ganze türkische Volk beleidigt worden gemeinsam mit dem „nervenkranken Despoten“.
Warum also den §103 nicht gleich zuständig machen für ein Volk, wenn es sich als ego ihrer Hoheiten, Exzellenzen und Oberhäupter ebenso beleidigt fühlt? Es würde den Hoheiten die erniedrigende Mühe ersparen, die Anzeige selbst vorzunehmen.

Die Anzeige wegen Beleidigung ist für die Getreuen einer Exzellenz Majestät natürlich unvermeidlich, weil sie wissen, Ihre Exzellenz Majestät wird die Häupter seiner Getreuen im Ausland zählen.
Da möchte keines fehlen.
So ist zwar ebenso unvermeidlich, dass der Geheimdienst des Landes des Beleidigers Gelegenheit bekommt, die Häupter der jeweils 5. Kolonne zu zählen; doch ein Schelm, wer im Fall Erdogan an sowas denkt und vergisst, dass der Geheimdienst bei uns andere Sorgen hat.

Jedenfalls der §103 muss womöglich in Würdigung dieser Erdoganentreue novelliert werden.
Meint also sie*er, eine ihr*ihm in der fernen Heimat nahestehende Hoheit sei beleidigt worden und es handele sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die*der sollte frei die Anwendung des §103 fordern dürfen, genauso wie etwa Böhmermann Satire, Karikatur, Kasperstück zur Anwendung bringt in der freien Meinung, dass sein Werk ohne Zweifel eins von den dreien ist und eine Beleidigung im Sinn des §103 dadurch ausgeschlossen!
Das alles bildet eine moderne harmonische Echtzeit KulturEinheit und Bildung ist wichtig.

Nun Böhmermann ein deutscher Ai WeiWei? Ai WeiWei demnach ein chinesischer Böhmermann?
Zwischen einem, der zeigt, was man nicht machen darf, obwohl mans kann, und einem, der zeigt, was man machen soll, wenn mans kann – zwischen solchen besteht ein Unterschied wie der zwischen einem, der der Welt zeigt, was eine Harke ist, und einem, der der Welt zeigt, was eine Gießkanne ist.
Es gibt speziell für die Kanzlerin keine Möglichkeit, aus Böhmermann einen deutschen Ai WeiWei zu machen.

Zu einem Au WeiWei wirds vielleicht reichen – wenn die deutsche Satire alle Augen zudrückt.
Ein deutscher Kasper hat nur die Möglichkeit, die Rolle des Karagöz zu übernehmen – bestenfalls -, des TürkenKaspers, und als solcher dem Erdogan zu zeigen, was eine Harke ist.
Doch als Karagöz hätte er den Erdogan zitieren müssen.

Ein Kasper, gleich welcher Nationalität, ist stets aktuell und hat das Gedächtnis eines Elefanten, ohne das es bei der Satire nicht geht:
Vor gut einem Jahr hat Erdogan zum (wieder aktuellen) Thema „Völkermord an den Armeniern“ verkündet, Völkermord, das sei ein so schlimmes Verbrechen, dass es die Türkei gar nicht begangen haben könne.
Was bräuchte ein Satiriker Böhmermann denn für seine Fresse noch, als dass ihm eine Beleidigung Erdogans gleichwohl als ein so schlimmes Verbrechen erscheint, dass er es gar nicht begangen haben kann?

Aber Essig. Nun heißt es Tee trinkend abwarten, ob es der Böhmermann durchaus begangen haben kann.
Das, worauf er den Anspruch der Meinungsfreiheit erhebt, könnte eben gerade noch so durchschlüpfen. Mehr Anspruch hat es nicht.
Dass irgendein Gericht ein paar Zeilen von seinem Schmäh konfisziert hat, bedeutet auch nichts weiter, als dass Pferdefleisch aus einer Lasagne geklaubt wurde. Wenns nun noch immer spannend erscheint, wie der „Ermächtigte“ entscheiden wird – mehr könnte man nicht verlangen.

*Die „Causa“ bietet immerhin Anlass, an einen aus der Blütezeit der Majestätsbeleidigung zu erinnern, der nach Verbreitung zweier satirischer Gedichte auf Kaiser Wilhelm II (dieser 1901: „Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr.“), welche er auf dessen pompöse „Reise ins Heilige Land“ 1898 geschrieben hatte, zunächst nach Paris fliehen musste, aber schon 1899 nach Deutschland zurückkehrte und prompt wegen Majestätsbeleidigung zu einem Jahr Festungshaft verurteilt wurde.
Davon saß er bis zur Begnadigung ein halbes Jahr in der Festung Königstein ab:
Frank Wedekind (1864-1918).

Erstaunlich, wie aktuell er ist:

Des Dichters Klage

Schwer ist’s heute, ein Gedicht zu machen,
Darum läßt man es am besten sein;
Wenn die Menschen wirklich drüber lachen,
Sperrt man den Verfasser meistens ein;
Wenn sie sich jedoch in Tränen winden,
Dann verhungert schließlich der Poet,
Deshalb wird man es begreiflich finden,
Daß die Poesie zugrunde geht.

Niemand weiß die Freiheit so zu schätzen
Wie der Dichter oder Redakteur;
Wenn sie ihn in das Gefängnis setzen,
Schreibt er manchmal überhaupt nichts mehr.
Statt in die Geschichte der Kalifen
Oder in die Dame, die er liebt,
Seine schöne Seele zu vertiefen,
Fängt er Fliegen, wenn es welche gibt.

Ließe sich die Allmacht doch erweichen,
Die den Menschen mit dem Fluch bedacht,
Daß er immer über seinesgleichen
Witze, Dramen und Novellen macht!
Zählt die Zuchthaus-Jahre man zusammen,
Die von lyrischen Gedichten her
Und von ähnlichen Verbrechen stammen,
Ein Jahrtausend gibt es ungefähr!

In der Politik, das muß man sagen,
Geht ja freilich alles wie geschmiert:
Unsre Größe liegt der Welt im Magen,
Und damit man gänzlich nicht verliert,
Bleiben Schweine dauernd ausgeschlossen,
Weil man ohnehin genug versaut. –
Fröhlich schnarchen Mirbach und Genossen
Wie vorzeiten auf der Bärenhaut.

Schade nur, daß wir nicht vorgeschritten
In der Politik wie Rußland sind;
Unsre Leute muß man immer bitten,
Bis man ihnen etwas abgewinnt.
Dort hingegen braucht man nur zu sagen:
Liebe Kinder, macht die Börse breit,
Sonst wird euch der Kopf vom Rumpf geschlagen!
Käm‘ es endlich auch bei uns so weit!

War nicht Bismarck doch ein arger Stümper,
Daß er stets dagegen sich gesträubt?
Wolle Gott, daß nichts von seiner zimper-
Lichen Staatsraison am Leben bleibt!
Nichts als Nörgler hat er uns geschaffen,
Von dem kindlichsten Vertrauen voll;
Dabei stritt er sich sogar mit Pfaffen!
Ist ein solcher Mensch nicht grauenvoll?

Doch ich weiß uns Rat aus der Bedrängnis:
Laßt den Reichstags-Kasten nur in ein
Majestäts-Beleidigungs-Gefängnis
Umgebaut und umgewandelt sein,
Dann sind wir erlöst von allem Bösen;
Tierisch vegetiert des Volkes Sinn,
Und ich bleibe, wie ich stets gewesen,
Ihr devoter Dichter
Benjamin

+

Der Zoologe von Berlin

Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen
Einem Zoologen in Berlin!
Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen
Vor den Untersuchungsrichter hin.
Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,
Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet
Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,
Daß beleidigt er die Majestät.

Dieser sprach: »Herr Richter, ungeheuer
Ist die Schuld, die man mir unterlegt;
Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer,
Hat noch nirgends Ärgernis erregt.
Soweit ist die Wissenschaft gediehen,
Daß es längst in Kinderbüchern steht.
Wenn Sie das auf Majestät beziehen,
Dann beleidigen Sie die Majestät!

Vor der Majestät, das kann ich schwören,
Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
Ja, es freut mich oft sogar zu hören,
Wenn man den Beleidiger entdeckt;
Denn dann wird die Majestät erst sehen,
Ob sie majestätisch nach Gebühr.
Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,
Zweifelsohne doch ein Säugetier.

Ebenso hab vor den Staatsgewalten
Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt,
Auf Kommando oft das Maul gehalten
Und vor Anarchisten ausgespuckt.
Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,
Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.
Aber deshalb kann ich von den Schweinen
Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.

Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter,
Unbegrenzten menschlichen Respekt!
Läßt du doch die ärgsten Bösewichter
In Berlin gewöhnlich unentdeckt.
Doch wenn hochzurufen ich mich sehne
Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,
Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?
Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?«

Also war das Wort des Zoologen,
Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;
Und nachdem man alles wohl erwogen,
Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein jeder, wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung.

Grass

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Aus Gestern wächst Heute, Heute ist künftiges Gestern. Nichts bleibt, keine Zeit, niemandes, niemand.
Der Tod beginnt früh seine Kuckucke zu kleben, ganz allmählich, überall in die Tage, die Träume, die Erwartungen, ins Leben, ins Gesicht.
Irgendwann bleibt er, sitzt, wartet, kriecht dir mit ins Bett.
Aus der Realität kommt er, aus der Ferne, die immer unerreichbarer wird. Er ist ihr Türsteher, dieser Tod, freundlich abstoßend, beliebig grausam.

Manchen jedoch lässt er ein. Wenn dieser mitbringt und zu bieten hat: Wirklichkeit. 
Ihr kann die Realitäit nicht widerstehen. Sie ist der Stoff, in den sie sich hüllt, der sie macht wie Kleider Leute machen.

Aber sie ist launisch, die kleine aufwachsende Göttin Realität jeder Zeit. Sie will geehrt, geschmückt sein um ihrer selbst willen.
Sie will immer Größe, Glanz, Bedeutung; die Besatzung in ihrem Pelz, die Läuse und Blattläuse, die Parasiten, Einsiedler der verlassenen Gehäuse wollen doch und sollen ihr Staat machen, Schmuck sein, Seltenheiten, Preziosen in Frack und Livree, die selbst nur achten sollen das Feinste und Beste einfach aus Überzeugung.
Wer ihr das bietet, einen Mehr- als Selbstwert, einen geschmackvollen Aberwitz – gern ein Narr, vielmehr Gaukler, einer, der sie von Kindheit an beschäftigt mit Verkleidung, Purzelbaum, Rollen- und Minenspiel, Kopfstand, sie kitzelt und zwickt, ein gewitzter Kumpel, einer, immer bereit, ein Ruheloser – der kommt durch, selbst ein „kritischer Geist“, nur groß genug und bedeutend, dass sie ihn ernennt, damit er hineinpasst, ein verbrieft freibeutend Verschworener: der bleibt.
Und das ist der einzige Lohn – solange er lebt.

Ob Günter Grass dem unbedingt entsprochen  hat und soviel Wirklichkeit gehabt, das sei dahingestellt. 
Immer doch war er gegenwärtig, oder doch vielleicht mehr „da“, was bei ihm auch „hie“ zu sein bedeutete.

Es gäbe zuwenige seiner Art, sagt man, und als ob er genommen, wird Verlust empfunden. Bei all dem Gewinn.

Er wurde ins Schlachten geboren. „Ich weiß, dass ich zufällig lebe“ hat er gesagt, Furcht vor dem Tod habe er nicht, hoffe nur, von Schmerzen verschont zu bleiben.
Wir hoffen, er ist verschont geblieben.

Ein Schlachthaus die Welt, die er verlässt. Er hat sie um ihrer und seiner selbst willen zu fassen gesucht, liebend verständig hinter den Kiemen, und sie hat ihm mehr als zwei Hände Erde gegeben; er hat ein, sein Kunststück sich und ihr zu Stand´ gebracht.
Zu Stand? Doch, ja, auf dem Weg.
Er war echt. Nun ist er gestorben. Die Natur trauert.

Hatte die deutsche Literatur mit Arno Schmidt eine Dimension verloren, mit Günter Grass verliert sie eine Persepktive. Und einen Halt.

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Written by monologe

18. April 2015 at 2:35 pm

Exil

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Wie Meeresblau
War uns das Grau
Das Grün der Wälder
Das Gelb der Felder
War uns das Grau
Einst waren wir
Die Vögel im Grau
Und Gottes buntes Getier
Einst im Grau
Waren wir
Nun sind wir grau
Unser Herzschlag ungenau
Doch sich regen
Sich bewegen
Draußen
Im Dudel
Nudelt
Moderne Sinfonie
Auf allem strotzt
Segen
Hart und einzigartig alles
Chemische Therapie
Sieh!
Den Aufwärtsstrudel!
Bunter Krieg
Für jedenfalls irgendwie
Sieg
Nur das Grau grau
Einsamkeit glotzt
Da wird es wohl Zeit –
Gleich!
Gleich sind wir soweit

Written by monologe

11. März 2014 at 9:31 am

Erinnerung an 1. Mai in der DDR – 2

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Am Abend zuvor, 30. April, war Fackelumzug.
Ich weiß nicht mehr, ab welcher Klasse man Fackeln tragen durfte, aber Fackeln waren nur für die „Großen“. Man fieberte also ein Dreiviertel-Schulleben darauf, endlich, endlich von der Laterne weg an die Fackel zu kommen.
Am Nachmittag bauten wir aus allen verfügbaren Celluloid-Linealen und -Dreiecken Stinkbomben.
Einige der braveren Schüler, die hatten die 30 cm-Lineale, spendeten sie unter der Bedingung, dass sie Bescheid bekommen müssten, wann ihr Lineal „dran“ wäre.

Bau einer Stinkbombe aus Celluloid:
Man musste ein Stück Celluloid-Lineal (es gab auch elende Thermo-Plast-Lineale, mit denen man nichts aanderes als nur messen konnte) in „Silberpapier“, also Alufolie packen und eine Ecke freilassen zum Anzünden.
Zünde mal Celluloid an! Es hat die Eigenschaft, heftig lodernd zu verbrennen. Fast rückstandsfrei, nur ein kleiner Aschezopf bleibt.
In der Alufolie hat es zum Brennen zu wenig Sauerstoff, das Celluloid verraucht also. Und zwar sehr effektiv. Und zwar enorm stinkend.
Man konnte mit einem 30 cm-Lineal 100 m Straße komplett zum Kotzen stinkend einnebeln. Und daher war es strengstens verboten. Zuwiderhandlungen konnten mit Ausschluss und Tadel bestraft werden. Ausschluss! Kühnheit mit „h“ war gefragt (darum lieferten die braveren Schüler zwar die Lineale, aber selber bauen und werfen – sind heute vermutlich Grüne Sorte Künast).
Wir bauten außerdem Knaller.
Die musste man bauen, weil es nirgends welche zu kaufen gab.
Man radelte also immer mal wieder zu einem KK(Kleinkaliber)-Schießstand und sammelte das Jahr über leere Patronenhülsen ein. Die füllte man mit dem Material, das sich von Streichhölzern kratzen lässt, und kniff das offene Ende der Hülse mit der Kombizange zu, möglichst einmal umgeknickt.
Diese Dinger konnte man dann auf die Straßenbahnschiene legen, und wenn die „Ille“ (Straßenbahn) drüberfuhr, knallte es. Mehr oder weniger laut, je nachdem, wie gut sie gefüllt waren.
Jahresplan und Vollbeschäftigung also.
Außerdem musste Wein besorgt werden, besser natürlich Schnaps.
Zigaretten musste man natürlich auch reichlich haben, denn man wollte auch großzügig verteilen können.

Nach endlosem Rumstehen latschten wir dann also in unseren nach Celluloid-Qualm stinkenden Blauhemden los auf die Runde bis zur Naumburger „Vogelwiese“, wo die Fackeln auf einen hoch aufbrennenden Haufen geworfen werden mussten.
Man konnte aus der dunklen Masse seine letzten Patronenhülsen-Knaller da rein werfen – mehr als eine Art Vogelpiepsen kam da jedoch nicht raus.
Reden wurden „geschwungen“.

Dann waren wir frei! Die Freie Deutsche Jugend!

Gingen auf in der sich durch die Kleinstadt wälzende, ungeahnt gewaltige Menschenmenge, rauchten, tranken, pinkelten und schwelgten in jeder Art Begeisterung und Verbrüderung in den Büschen, hinter den dicken alten Bäumen vor und hinter der Stadtmauer.
Schwarzerdige, feucht versiphte finstere Orte, von Mädchen gemieden.

Schließlich landeten wir auf sehr verschlungenen Heimwegen im Stadtpark, dem „Park der OdF“ (Opfer des Faschismus).
Aus irgendeinem dunklen Winkel klang meist ein Kofferradio und Zigaretten glommen, also ging man hin. Irgendwen kannte man immer. Man war blau.

Ich seh sie noch die beiden Denkmale, die da standen, bevor später das große zentrale Denkmal in diesen Park gebaut wurde; eines zeigte einen erzengelhaften Kämpfer mit expressionistisch wehendem Haar, ein Schwert in der erhobenen Hand oder vielleicht auch in beiden Händen, unter dem stand: „Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme“, und da war noch eines, was es zeigte, weiß ich nicht mehr, auf ihm stand etwas wie „Euch ist die Macht gegeben, dass ihr sie nie, nie mehr aus Euren Händen gebt!“.
Mahnung also, die nichts genützt hat.

Der Park war ein Friedhof gewesen. Als er eingerichtet wurde, war ich zwischen 6 und 7 Jahre alt. Es wurden Gruben für Fundamente für irgendwas ausgehoben, Gebeine, Totenschädel kamen zum Vorschein.
Meine Zwillingsschwester und ich, wir schwenzten ein paar Tage die Schule, vollauf mit dem spannenden Aufsammeln und Ausbuddeln von Knochen und Schädeln beschäftigt.

Das war, als ich noch eine Mutter hatte und nach Hause konnte.

Written by monologe

30. April 2011 at 1:18 pm

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Tag der Republik

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Es mutet seltsamerweise irgendwie seltsam an, sich zu vergegenwärtigen, dass alle Gegenwart, selbst die gegenwärtige, die einer REPUBLIK ist.
Natürlich ist es die unabwendbare Eigenschaft auch einer REPUBLIK, eine Gegenwart zu haben bzw. anzunehmen. Und dass es sich in unserem speziellen Fall um eine REPUBLIK handelt ist daran zu merken, dass man sich je nach Interessenlage aussuchen kann, welche Unwirklichkeit einem sympathischer bzw. unsympathischer, real oder surreal erscheint: die Beziehung zwischen Gegenwart und REPUBLIK oder umgekehrt.
Das, weil der Einfluss, den die REPUBLIK auf ihre Gegenwart nimmt, aber auch der Einfluss der Gegenwart auf ihre REPUBLIK definitiv und erklärtermaßen gegenwärtig UNVERHÄLNISMÄßIG ist.
Die Freiheit, aufgezogen für alle Missverhältnisse, schlägt zurück, indem sie verteidigt wird und umgekehrt.
Es ist also ein Solo eines fast vergessenen Tanzes, neudeutsch Fightstanz.

Nachdem nun die REPUBLIK den „Tag der deutschen Einheit“ begangen hat, rückt sie ihr schlechtes Verhältnis zur Gegenwart in diesem Jahr näher an den „Tag der Republik“ von 1989.

BÜDERLE

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„Deutsche Industrie in Sektlaune!“ wird gemeldet. Kein Wunder, denn 1. fährt sie nicht U-Bahn, 2. ist ihr ein BRÜDERLE Minister, und wenn er nicht so heißen würde, hätte mans wohl erahnen, aber nicht besser erfinden können, 3. will dieser Schwester ihr BRÜDERLE sie jetzt vehementer mit QUALIFIZIERTEN ARBEITSKRÄFTEN AUS DEM AUSLAND versorgen helfen.
Woher diese ARBEITSKRÄFTE kommen sollen, hat er nicht genau gesagt, aber er könne sich ein BEGRÜßUNGSGELD VON DER DEUTSCHEN INDUSTRIE für sie denken, hat er gesagt, und da muss man sagen, das ist billig im Vergleich zur Ausbildung im eignen Land, der Bildungsrepublik, wo die solide Unbildung, mit der man in der parallelen Schulhofrepublik gut durchkommt, schon Unsummen verschlingt, bevor man sie ausgibt.

Natürlich DIE schlaue Lösung vom BRÜDERLE, die Leute großzügig aus fernen Ländern zu locken, statt aus der BILDUNGSFERNE in unmittelbarer Nähe mit BEGÜßUNGSGELDERN in die Universitäten.
Es scheint in der Ferne mehr Bildung zu geben, die dort nicht gebraucht wird. Sie wäre sozusagen für die DEUTSCHE INDUSTRIE erworben worden.
Also ISRAEL wirds nicht sein. Juden wären, das hat der BRÜDERLE natürlich nicht gesagt, vielleicht nicht so – zu ihrer eigenen Sicherheit- und aus Rücksicht – wegen, naja, alles nicht so schlimm, man hat ein Schild mit der Aufschrift WACH AUF HITLER gesehen in einem türkisch-muslimischen Demonstrationszug – aber in Österreich.

Kinder, Fritz Teufel ist tot!

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Bevor er Parkinson-geplagt ins Pflegeheim musste, ist er in Berlin noch als Fahrrad-Kurier unterwegs gewesen, der Alt-68er „Ex-Pudding-Attentäter, Ex-Kommune 1–Bewohner, Ex-Bürgerschreck, Ex-„Tageszeitung“s-Kolumnist, Extremist“ nun exitus.
Mit 67. Der Tod ist nicht stilsicher. Diesen Mann 68 werden zu lassen, das hätte sich gehört.

Die Tiger-Ente aus der Zeit der Blumen-Kinder Berliner Prägung und Eigenart: ach, Kinder, wenn wir noch einmal so dran glauben könnten! Dass wir aus dem Haus gehen und ein cooler Knabe rauchend an der Ecke steht und guckt und grüßt: „Na, du Schlampe.“.
Das war, bevor uns auffielen die Schrecken jener Märchen, die man als Kinder liebt, und bevor sich uns in diesem Grimms-Märchen-Land die Bären aufgebunden haben, die im Grimmschen nun mal aufkommen: blonde Prinzen wohl einst gewesen sind, halbe Königreiche suchend, große Schnauze, dickes Fell, keine Mimik.

Auch Fritz Teufel musste einen Bären tragen.  Acht Jahre lang hat auf seinem Buckel einer gebrummt, und der Fritz mit ihm, nachdem er in den Märchenwald als Guerillero getreten war, bis an die Zähne bewaffnet.

Die Kinder der freien Liebe haben sich inzwischen verlaufen.
Sind angekommen vor dem Lebkuchenhaus und hineingelockt fett geworden drin, reif, von der Liberalen Revolution gefressen zu werden.

Die Schwester Gretel ist ganz bei der Sache, geht der argen Hexerei diensteifrig zur Hand, spinnt Gold zu Stroh und Streu, in Dauerwelle west gelegt ihr Haar, das sie dem schneidigen Prinzen hinablässt.
Das Rumpelstilzchen ist Kriegsverteidigungsminister geworden, führt die Kinder der Souveränen, die seinen Namen nicht erraten, zum Kusch am Hindu, es ist wohl mancher Spaßvogel dabei.

Aber keiner aus der neuen Spaßvogelgesellschaft kann mehr sein, wie der Fritz einer war.

Nun ist auch er gestorben, gefolgt den unbekannten Spaßvögeln, die nach 33 für einen Witz gestorben sind und die, die nach 45 für einen saßen, 660 Jahre nach Eulenspiegel.

Wenigstens letzterem hat man in Mölln ein Denkmal gesetzt.

Noch gibt’s nirgendwo eins für den TeufelFritz, den schwarzrotgoldigen Kerl.

Der schelmisch grinsende TeufelFritz ohne die letzten drei guten Haare, die man an ihm gelassen hat, bloß die Glatze, damit sie durch Anreiben goldig werde,
Glück bringt denen,
die im Frieden nicht ruhn.

Ein Denk-Mahnmal.

Written by monologe

8. Juli 2010 at 5:21 pm