MonoLoge

Vom deutschen Humor

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Vor kurzem hat ein Kabarettist in die Kamera dem deutschen Publikum vom deutschen Humor gesprochen, rief, es heiße, die Deutschen „hätten“ keinen Humor, und das rege ihn jedesmal auf.
Es gebe soundsoviele Kleinkunstbühnen (so um 150) und so weiter, und das sei ja wohl der beste Beweis und so weiter.
Man hört nie jemanden sagen, die Deutschen seien gesund, denn es gebe im Land schließlich soundsoviele Krankenhäuser.
Genausowenig hört man, dass soundsoviele Schulen und Universitäten von der Klugheit und der hohen Bildung der Deutschen zeugen, denn es ist mit all dem so wie mit dem Humor: man ist gesund, wenn man trotz der Krankenhäuser gesund ist, gebildet, wenn man trotz der Schulen, besonders trotz der Unis gebildet ist und einen Humor hat man, wenn man trotz des deutschen Humors lacht.
Es schwimmt, wer schwimmen kann. Das gilt jedoch nur für Freibäder. Auf dem Meer schwimmt so mancher, der nicht schwimmen kann, schwimmen kann also auch hier, wer trotzdem schwimmt?

Was den Humor der Deutschen betrifft, gewiss, in den Kabaretts und Comedy-Arenen wird gelacht, aber sonst trotzdem nicht.
Es ist ja eine kühne Behauptung, es beweise Humor, wenn in Kabaretts gelacht werde. Man wird wohl eher annehmen können, dass in Kabaretts gelacht wird, trotzdem man humorlos ist und dass es Humorlosigkeit beweist, wenn man woanders trotzdem nicht lacht.
Es muss ja einer, der über einen Witz nicht lacht, nicht humorlos sein. Möglicherweise lacht er darum nicht über den Witz, eben weil er witzig ist. Über einen witzigen Witz zu lachen kann man ohne weiteres banal und abgeschmackt finden.
Da lacht der deutsche Humor trotzdem.

Ein schönes Beispiel hierfür lieferte ein Komiker namens „Pufpaff“, der die Leute mit ungefähr Folgendem mehrfach und ganz besonders mit der Pointe zum Lachen brachte: zunächst klärte er darüber auf, dass aus einem Regenwurm nicht zwei werden, wenn man ihn durchschneidet. Es gebe allerdings einen Wurm, der diese Eigenschaft biete. Man könne ihn in einen Mixer tun, es entstehe eine ganze Truppe Würmer (Gelächter).
Dieser Wurm, behauptete Komiker Pufpaff, sei nun allerdings das dümmste Lebewesen auf dem Globus. Es gebe kein anderes, das so dumm sei wie dieser Wurm (Gelächter). Fragte dann, wie man das wohl testen könne.
Er stelle sich da – einen Stuhlkreis vor (Gelächter). Es säßen mit diesem Wurm in der Runde also zusammen dieser und jener und – Pointe – Seehofer (Gelächter).
Das war so witzig, dass der deutsche Humor nicht anders konnte, als trotzdem zu lachen.
So gehts ihm immer, wenn er da zum Lachen gebracht wird, wo er zum Lachen hingetragen worden ist.

Nun gibt es auch und vielleicht besonders in Deutschland, außerhalb von Kabarett und Komedy, Witze, die nicht witzig sind.
Der zugehörige Humor müsste hier den ganzen Tag lachen, scheint jedoch unsicher oder fürchtet, dass er ernst genommen werden könnte.
Tatsächlich gibt es Leute, die den ganzen Tag lächeln: naiv, grimassenhaft, kalt, verzweifelt auch, irre mitunter sowie in Gestalt eines berufsmäßigen Grinsens. Manche lächeln glücklich in die Kameras, die meisten wegen Kundschaft in die Kundschaft; wenn keine Kundschaft da ist, kann das Lächeln trotzdem nach langen Jahren dauerhaft geworden sein.
Denn der deutsche Humor ist vor allem Kunde, und offenbar einer, dem man vorsichtshalber nicht unfreundlich begegnen sollte. Bei allem Humor, den er sich leistet, heißt es: trotzdem immer (nur) lächeln.
Die Dauerlächler werden allerdings weniger. Leere mit Musik, begeistertes Anlachen von Null auf Hundertachtzig wie nix, das mehrt sich.

Übrigens hat Komedien „Pufpaff“, geborener deutscher Komiker, von der Bühne auf die Mattscheiben verkündet, es gebe keine Ausländer, es gebe nur Arschlöcher und keine Arschlöcher, womit er dem deutschen Humor in Direktvermarktung zwei hellerleuchtete Pufpaffsche Gestirne samt Horizont zur Orientierung geliefert hat: Arschloch und kein Arschloch.
Das ist moderne Satire.
Früher war sie vielsagender, wenn das Publikum auf Arschloch kam, blieb ihm das Lachen im Halse stecken. Heute ist die Satire auf  Arschloch gekommen, dafür lacht das Publikum aus voller Kehle.
Kein Arschloch war noch im sicheren Ausland.

Man versteht das alles, wenn man weiß, dass der moderne deutsche Humor sich während und zwischen zwei Weltkriegen samt Inflation und Weltwirtschaftskrise entwickeln musste aus rohem gelegentlichen Galgenhumor, der lachte, trotzdem ein anderer hing. Er hat es oft fotografiert.
Dieser mauserte sich zunächst zum subtilen deutschen Herrenhumor, der mit der Zahnbürste sauber machen und „Jedem das Seine“ und „Arbeit macht frei“ in die schmiedeeisernen Eingangstore von Buchenwald und Auschwitz einprangen ließ.
Er hat Lagerkapellen „Muss i denn ins Städtele hinaus“ spielen lassen als Begleitmusik, trotzdem es in die Gaskammern hineinging.

In Friedenszeiten, wenn die Menschenbestie gebändigt, ist er an und für sich immer bereit zu der Auskunft, dass das Leben hart und kein Wunschkonzert sei, man nichts zu lachen habe, sich dem Ernst des Lebens stellen und just da bewähren müsse, und einem jeden, der darüber trotzdem lacht, gratis die Lebenserfahrung vorauszusagen, das Lachen werde ihm schon noch vergehen.
Ja, sagt er, scheiße, aber man muss das Beste draus machen.

Durch alle Zeiten ist es auch der deutsche Humor, der dafür sorgt, dass der deutsche Humor trotzdem nichts zu lachen hat und dass das pflichtbewusst kontrolliert wird. Da ist er bestrebt, besonders vom deutschen Humor ernst genommen zu werden. Komisch, nicht?
Und wenn man trotzdem lacht?

Ja, er ist anspruchsvoll, der deutsche Humor, du musst keinen Spaß verstehen: lache trotzdem!
Du wirst schon sehn, es lohnt sich.

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Written by monologe

6. März 2016 um 3:00 pm

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