MonoLoge

Vater und Sohn oder Vom „mitdenkenden Werkstück“

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Neben ein paar “Ukrainerinnen”, die der deutschen Kanzlerin und dem Diktator Putin jenen kritischen Realismus boten, mit dem die Freiheit wuchert: nackte Frauenleiber und Höhlenmalerei – ein Anlass für Putin, die freie Welt zum freien Mitlachen zu animieren (und man sah durch die grässliche Szene, ihre Zähne sind weiß), hat die Hannover-Messe noch einem anderen interessanten Artikel zu einem ersten Auftritt verholfen, der womöglich über all das Mitlachende hinwegtrösten, womöglich „echt“ begeistern soll: das “mitdenkende Werkstück”.
Dieses “Werkstück”, so wurde bekanntgegeben, sei dazu gebracht – oder “dressiert” – worden, der Maschine offenbar unwiderstehlich und unmissverständlich klar zu machen, wie mit ihm zu verfahren sei.
Sehr sympatisch also, und man muss sich dieses “Werkstück” vorstellen wie einen Schüler, der sich in die erste Bank setzt und dem Lehrer sagt, was aus ihm zu machen ist, zum Beispiel Banker oder Popstar oder…

Der Maschinenwelt dürfte also unserer Wirklichkeit und speziell unserem real existierenden Schulsystem samt der Realität in den Klassen, auf den Schulhöfen, in der Kommunikations- und Verhaltenskultur außer am Wochenende gewiss um Jahrzehnte voraus sein.
Während das Werkstück aus der menschenleeren Fabrik nach eigenen Wünschen bearbeitet hinten oder vorne herauskommt, um den, der es so bestellt hat, auch rundum zufrieden zu stellen und selbst glücklich zu werden, bleibt in der Schule so manches “Werkstück” resistent gegen Bildung, Formung und erst recht gegen Bearbeitung.
Im Gegensatz zum “Werkstück”, das zur Bearbeitung als Rohling eingespannt wird, scheidet das kleine hoffnungsvoll hyperaktive, hochbegabte Kind, Jahre, nachdem es eingeschult wurde, oft als Rohling aus.
Aber vielleicht sind in unseren Sphären Rohlinge bestellt und werden noch gebraucht?

Zunächst wird jener nicht mehr gebraucht, der bisher ausgebildet werden musste und angestellt war, um nicht nur dafür zu sorgen, sondern zu garantieren, dass das Werkstück made in germany entsprechend lustvoll, qualifiziert und exakt bearbeitet wird.
Wird dieser mit allem Ballast des Erlernten, des Wissens, seiner Erfahrung, der Arbeitsmoral und dem eingefleischtesten Pflichtgefühl unter der Elefantenhaut Beladene entlassen, freigestellt, wird man mit ihm vielleicht nicht allzuviel Ärger haben, weil er mit seiner Nutzlosigkeit, der Verzweiflung, der midlife-crisis, der Leere, dem Hobby, seiner Frau, der Depression, dem Entsetzen, den Nachbarn, der Weltreise und seinen Kindern allein genug zu tun haben wird.

Aber schon dessen Sohn bekommt und lässt sich diesen Ballast gar nicht erst aufladen, denn er wäre ihm nicht und niemandem nützlich.

Das seinem Vater nützlich Gewesene, sich selber nützlich zu machen, was ihm die Existenz gesichert, sein Leben, sein Wesen, ihn beinahe ganz und gar geprägt, bestimmt, ja, ausgezeichnet hat, das ist ihm ebenso fremd wie eine Welt, der eben das plötzlich fremd ist, seinem Vater.
Worauf sonst kann dessen Sohn also kommen, als darauf, dass lediglich nützlich sei, was ihm nützlich ist; dass ihm Freiheit nur etwas tun zu können bedeutet, während sein Vater die Freiheit noch kannte, etwas nicht tun zu müssen?

Treffen sich Vater und Sohn demnach in dem Werk, da der eine seine Entlassungspapiere holt, weil das “mitdenkende Werkstück”, dem der andere zur Exitenz verholfen, seinen Platz eingenommen hat?
Dieser andere, der Sohn, “arbeitet” indessen lustvoll weiter an der Hebung der Intelligenz seines “mitdenkenden Werkstücks”, bis es zu malen, zu philosophieren, zu komponieren, zu musizieren beginnt, während bedienstete Roboter es beflissen nach Anweisung umsorgen wie einstens den Grafen Koks.
Über dem Arbeitsplatz:
„Arbeiten Sie immer noch bei VW?“ „Ja.“ „Am Band?“ „Nein, wir können frei herumlaufen.”

Wenn das “mitdenkende Werkstück” auch vor- und ausdenken könnte, vielleicht hätte es sich schon das Vergnügen gemacht, mir dasselbe zu nehmen und dieses Gedicht zu schreiben:

Was wir außer
diesem Werkstück,
die sich selbst verwendet,
damit das Werk
sich selbst vollendet
noch brauchen könnten:
den Schüler,
der sich selber lehrt;
das Auto,
das sich selber fährt;
Zigaretten,
die sich selber paffen;
Werte,
die sich selber schaffen;
Äpfel,
die sich selber pflücken,
Unterdrücker,
die sich selber drücken;
Häuser,
die sich selber bauen,
Fernsehsender,
die sich selber schauen;
Ignoranten,
die sich selber ignorieren,
Verluste,
die sich selbst verlieren;
Böses,
das sich selbst vernichtet
Arbeit,
die sich selbst verrichtet;
das Päckchen,
das sich selber schickt,
der Fußball,
der sich selber kickt;
Brote,
die sich selber backen,
Schweine,
die sich selber hacken;
Körner,
die sich selber mahlen,
Schulden,
die sich selber zahlen;
Wähler,
die sich selber wählen,
kurz und gut,
alles, was sich selber tut,
ist dazu zu zählen.

was wir schon/noch haben:
Mörder,
die sich selber stellen,
Hunde,
die noch selber bellen,
Erde,
die sich selber dreht,
Stunde,
die von selbst vergeht;
Gäste,
die sich selbst bedienen,
Anti-Personen-Minen;

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Written by monologe

23. April 2013 um 11:00 am

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