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Jüdischer Friedhof Prag – Teil II

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Der interessierte Besucher Prags, das mag im Einzelfall ein Einzelner sein, doch kann auch ein Grüppchen Japaner durchaus und vollständig aus interessierten Besuchern Prags bestehen, kurzum, der interessierte Besucher Prags ist ein Muster des Besuchers Prags, der sich für die Sehenswürdigkeiten und Sonderbarkeiten der Stadt interessiert, ein Muster, dem ganze Völkerscharen schon entsprochen haben.

Der interessierte Besucher, von dem hier die Rede ist und der sich um 11 Uhr zum neuen Jüdischen Friedhof aufmacht bzw. aufgemacht hat, dem entspricht der Autor dieses Berichtes zu etwa 77%, dessen liebenswürdige, tolerante Begleiterin zu 100% .
Beide haben ohne Not für einen interessierten Besuch Prags mehr mit dem Vorurteil als in der Hoffnung, schöne Tage zu erleben (Tapetenwechsel erwartet man schon lange nicht mehr, Raufaser überall), die vertraute Umgebung zeitweise, wie sie hoffen, aufgegeben, um in der fremden Heimat Prag ihr bisheriges Leben nicht nur nicht weiterführen zu können, sondern in unbekannten Verhältnissen von morgens bis abends ein vollkommen neues, alternativloses, im Grunde unzumutbar anderes, ungewohntes Leben zu führen – als ein Herz und eine Seele.
Was sonst kaum denkbar ist noch möglich wäre, weder wünschenswert noch ratsam: sie sind stets zusammen, man sieht sie durch ganze 6 aufeinanderfolgende Tage wohin immer gemeinsam gehen.

Die liebenswürdige, tolerante Begleiterin hat mittels des Reiseführers die Reiseführung übernommen und kann den Autor dieses Berichtes durch die Stadt Prag mitschleppen wohin sie will unter nur zwei Bedingungen: zu einer Sehenswürdigkeit und nicht später als halb Zwei, besser früher, im Restaurace „U HOUDKU“, Praha 3, Borivojova 110, zu cerne Pivo und Mittagessen anzukommen.
Denn im Restaurace „U HOUDKU“ gibt es täglich wechselnde 2 Sorten Suppen und einfache Mittagsgerichte sowie ein XL-, als auch ein XXL-Menu, dieses dann inklusive Mokka.
Außerdem gibts, solange es reicht,  traditionelles Gulasch mit Knedlik, Szegediner Gulasch, also ein Gulasch mit Kraut, Schweineroulade, Hähnchenroulade; Schnitzel mit Kartoffelsalat gibts dienstags.

Die Besonderheit z.B. dieses Gerichtes für Deutsche dürfte sein, dass es für sie zum einen eine doppelte Portion ist, zum anderen eine Delikatesse.
Zwar hat der Einheimische nebenan ungefähr genausoviel und absolut genaudasselbe auf seinem Teller, er zahlt für seine Suppe auch 18 Ck, sein Tagesgericht kostet ihn wie jeden andern 75 Ck, sein Bier zwischen 27 und 32 Ck (nein, meint die liebenswürdige, tolerante Begleiterin des Autors dieses Berichtes, umrechnen soll das mal jeder selber), doch das ist für den Einheimischen alltäglich.
Er kann fassen, dass zwei Schnitzel auf seinem Teller liegen und der Kartoffelsalat nicht bloß aus eiskalten Kartoffelscheiben unter billigster Mayonnaise besteht, ganz abgesehen von einer reichhaltigen, frischen Salatbeilage. So ist ers gewohnt und er weiß es nicht anders.
Man kann ihm also keinen Vorwurf machen, wenn er cool das alles verdrückend hingelümmelt Zeitung liest, Laptop glotzt oder palavert, während unsereiner etwas durchmacht wie Robinson auf dem Weg das Fallreep hinab vor seinem ersten Schritt zurück in die Zivilisation.
Mancher Einheimische ist imstande, simultan die Speisekarte zu übersetzen und auf die Frage, warum in der Innenstadt der schönsten Häuser so viele leer stehen, manche gar in erbärmlichem Zustand, lachend eine international allgemeinverständliche Erklärung zu geben „Jaaah, Spekulacie!“ – und auf jedem Tisch Zahnstocher!
Eine Beziehung zwischen einem gewöhnlichen deutschen Kartoffelsalat und einem ebensolchen im Restaurace „U HOUDKU“ allerdings besteht: der eine hat den Wert des anderen.
Das tschechische Bier besitzt darum, so kann man finden, nicht mehr die einstige Süße, es ist herber geworden, angepasst dem Geschmack des Lebens.

Unterdessen sind der Autor (und engagierte Fotograf) dieses Berichtes und dessen Begleiterin planmäßig ein ganzes Stück in Richtung des neuen Jüdischen Friedhof vorangekommen.
So gut wie alles ist interessant, bevor mans gesehen hat, und interessanter noch ist der Weg dahin.

Sie haben einen großen christlichen Friedhof durchwandert, das Grab von Jan Ullrich entdeckt, prag30:012aber die Hoffnung, es werde sich der neue jüdische Friedhof anschließen, ist nicht in Erfüllung gegangen. Grund: die Karte wurde verkehrt herum, also nicht nach Himmelsrichtung orientiert gehalten, was leicht passieren kann, wenn man sie an entscheidender Stelle, wo es heißt nach rechts oder besser nach links abbiegen, fälschlicherweise richtig herum hält, nämlich so, als ob Praha-Troja in alle Himmelsrichtungen stets oben und von links nach rechts lesbar ist (nach Intervention folgende Korrektur: der Autor dieses Berichtes riet nach links, seine Begleiterin nach rechts zu gehen, die Begleiterin gab nach, das muss man anerkennen).

Dem durchaus schon nicht uninteressanten Fußmarsch bis zur Desorientierung folgte ein langer interessanter Fußmarsch nach Orientierung entlang einer langen Mauer neben einer belebten Hauptverkehrsader.

Nun sitzen der tolerante Autor dieses Berichtes und seine liebenswürdige Begleiterin in einer Tankstellenkaffee bei einem Cappuccino.
Nachdem beide die Toilette aufgesucht und sich von schmerzenden Gliedern und abgelösten, sich aufrollenden Innenschuhsohlen berichtet hatten, betrachteten sie schweigend jene internationale Ödnis einer Tankstelle, in welcher man automatisch fasziniert die Krafstoffpreise umrechnet.
prag28:012

 

 

 

 

 

 

 

Halb Zwei ist das Späteste, ab Elf wird ja schon ausgegeben; nach halb Zwei sind die Suppen aufgebraucht und alles Mittagsmenu ist aufgegessen.

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Written by monologe

1. Dezember 2012 um 9:10 pm

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