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Jüdischer Friedhof Prag – Teil I

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Der interessierte Besucher Prags hat in seinem Reiseführer herauszufinden versucht, was es mit jener erstaunlichen Plastik auf sich hat, auf die er, durch eine Innenstadt-Passage bummelnd, plötzlich gestoßen war:
ein mit den Hufen nach oben von der Decke hängendes riesiges Pferd, auf dessen Bauch sitzend ein ritterlicher Reiter.
Er hat gefunden, dass es von einem gewissen David Cerny sei. Es wurden ihm weitere Kreationen dieses David Cerny vorgestellt und empfohlen, einen Blick auf Prag durch den Hintern einer Cerny-Plastik zu riskieren, auch jenen Mann zu betrachten, der auf etwas wie die tschechische Landkarte pisst, und der cernischen Originalitäten mehr zu besichtigen wie etwa noch die schwarzen Riesenbabys, die den Prager Fersehturm hochkrabbeln.

Um es gleich zu sagen: an den Gelsekirchener Herkules auf der Zeche kommen diese Babys nicht heran. Die Radikalität des Absurden, die der Gelsenkirchener Herkules repräsentiert, ja, mehr noch darstellt mittels Turm und dem Staunen darüber, wie das möglich ist, jenes Gesamtkunstwerk aus gartenzwergigem, sich selbst übertreffenden und so seine Berechtigung beglaubigenden Größenwahns, dieses Gesamtkunstwerk aus Unsinn und schierer Irrrationalität des Prozesses seiner Realisation bis hin zum Ereignis seines Abschlusses – und über diesen noch hinaus bis zum Abriss – das bleibt unerreicht.

Dem Gelsenkirchener, insbesondere dem Gelsenkirchener Troll, dem zum Glück in Gelsenkirchen nur noch die einstweilige Verfügung fehlt, sich dem Gelsenkirchener Herkules nur noch bis 20km Entfernung, jedenfalls nicht auf Sichtweite bzw. kritische Distanz nähern zu dürfen, wird alles Cernysche, selbst in summa incl. Blick durch einen Hintern auf das goldene Prag gemütlich erscheinen.
Aber immerhin wird ihm vielleicht das Erlebnis, dass er eines entspannten, gemütlichen Lächelns durchaus noch fähig ist, wieder einmal zuteil werden.
Er wird sich auch gegen den banalen Gedanken nicht wehren: wie gemütlich es auf der Welt doch auch sein kann (später wird er dann lesen, dass der hochverehrte Präsident Havel mit Kritik an seinen Landsleuten nicht zimperlich gewesen und wegen deren Hang u.a. zur Spießig- und Gemütlichkeit deutlich geworden sei).
prag37:012
Der Prager Fernsehturm, zu dem der interessierte Besucher den Zizkover Berg hinauf gelangt ist, wurde, so stehts im Reiseführer, von einem Grüppchen Amerikaner zum hässlichsten der Welt erklärt.
Da, denkt sich der interessierte Tourist, wird der Turm sich mit Recht keinen Kummer draus machen, denn er ist bedeutender als jedes Grüppchen Amerikaner, steht länger, ausdauernder und in besserem Zustand da als manch glanzvolle Erscheinung neuerer Zeit einschließlich der Herren Rumsfeld und Armstrong.

Und war es nicht ein Prager, der beschrieben hat, wie die Leute unten auf der Straße laufend vom 4. Stock aus aussehen? Oder war es ein Wiener? Fridell?

Das kann der interessierte Besucher an Ort und Stelle nicht entscheiden, und nachher ist es ihm egal.

Er liest am Fuße des Fernsehturmes in seinem Reiseführer, dass der alte jüdische Friedhof dem Bau dieses Fernsehturmes weichen und verlegt werden musste. Es ist nur noch ein niedriges Gebäude mit einem umfriedeten Eckchen Land dahinter noch dort, wo der alte Friedhof einst war.
Es ist 11 Uhr, als der interessierte Besucher Prags sich also auf den Weg macht…

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Written by monologe

1. Dezember 2012 um 7:35 am

Veröffentlicht in Europa, Leben, Literatur, Realität, Reise, Sprache

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