MonoLoge

Erinnerung an 1. Mai in der DDR – 2

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Am Abend zuvor, 30. April, war Fackelumzug.
Ich weiß nicht mehr, ab welcher Klasse man Fackeln tragen durfte, aber Fackeln waren nur für die „Großen“. Man fieberte also ein Dreiviertel-Schulleben darauf, endlich, endlich von der Laterne weg an die Fackel zu kommen.
Am Nachmittag bauten wir aus allen verfügbaren Celluloid-Linealen und -Dreiecken Stinkbomben.
Einige der braveren Schüler, die hatten die 30 cm-Lineale, spendeten sie unter der Bedingung, dass sie Bescheid bekommen müssten, wann ihr Lineal „dran“ wäre.

Bau einer Stinkbombe aus Celluloid:
Man musste ein Stück Celluloid-Lineal (es gab auch elende Thermo-Plast-Lineale, mit denen man nichts aanderes als nur messen konnte) in „Silberpapier“, also Alufolie packen und eine Ecke freilassen zum Anzünden.
Zünde mal Celluloid an! Es hat die Eigenschaft, heftig lodernd zu verbrennen. Fast rückstandsfrei, nur ein kleiner Aschezopf bleibt.
In der Alufolie hat es zum Brennen zu wenig Sauerstoff, das Celluloid verraucht also. Und zwar sehr effektiv. Und zwar enorm stinkend.
Man konnte mit einem 30 cm-Lineal 100 m Straße komplett zum Kotzen stinkend einnebeln. Und daher war es strengstens verboten. Zuwiderhandlungen konnten mit Ausschluss und Tadel bestraft werden. Ausschluss! Kühnheit mit „h“ war gefragt (darum lieferten die braveren Schüler zwar die Lineale, aber selber bauen und werfen – sind heute vermutlich Grüne Sorte Künast).
Wir bauten außerdem Knaller.
Die musste man bauen, weil es nirgends welche zu kaufen gab.
Man radelte also immer mal wieder zu einem KK(Kleinkaliber)-Schießstand und sammelte das Jahr über leere Patronenhülsen ein. Die füllte man mit dem Material, das sich von Streichhölzern kratzen lässt, und kniff das offene Ende der Hülse mit der Kombizange zu, möglichst einmal umgeknickt.
Diese Dinger konnte man dann auf die Straßenbahnschiene legen, und wenn die „Ille“ (Straßenbahn) drüberfuhr, knallte es. Mehr oder weniger laut, je nachdem, wie gut sie gefüllt waren.
Jahresplan und Vollbeschäftigung also.
Außerdem musste Wein besorgt werden, besser natürlich Schnaps.
Zigaretten musste man natürlich auch reichlich haben, denn man wollte auch großzügig verteilen können.

Nach endlosem Rumstehen latschten wir dann also in unseren nach Celluloid-Qualm stinkenden Blauhemden los auf die Runde bis zur Naumburger „Vogelwiese“, wo die Fackeln auf einen hoch aufbrennenden Haufen geworfen werden mussten.
Man konnte aus der dunklen Masse seine letzten Patronenhülsen-Knaller da rein werfen – mehr als eine Art Vogelpiepsen kam da jedoch nicht raus.
Reden wurden „geschwungen“.

Dann waren wir frei! Die Freie Deutsche Jugend!

Gingen auf in der sich durch die Kleinstadt wälzende, ungeahnt gewaltige Menschenmenge, rauchten, tranken, pinkelten und schwelgten in jeder Art Begeisterung und Verbrüderung in den Büschen, hinter den dicken alten Bäumen vor und hinter der Stadtmauer.
Schwarzerdige, feucht versiphte finstere Orte, von Mädchen gemieden.

Schließlich landeten wir auf sehr verschlungenen Heimwegen im Stadtpark, dem „Park der OdF“ (Opfer des Faschismus).
Aus irgendeinem dunklen Winkel klang meist ein Kofferradio und Zigaretten glommen, also ging man hin. Irgendwen kannte man immer. Man war blau.

Ich seh sie noch die beiden Denkmale, die da standen, bevor später das große zentrale Denkmal in diesen Park gebaut wurde; eines zeigte einen erzengelhaften Kämpfer mit expressionistisch wehendem Haar, ein Schwert in der erhobenen Hand oder vielleicht auch in beiden Händen, unter dem stand: „Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme“, und da war noch eines, was es zeigte, weiß ich nicht mehr, auf ihm stand etwas wie „Euch ist die Macht gegeben, dass ihr sie nie, nie mehr aus Euren Händen gebt!“.
Mahnung also, die nichts genützt hat.

Der Park war ein Friedhof gewesen. Als er eingerichtet wurde, war ich zwischen 6 und 7 Jahre alt. Es wurden Gruben für Fundamente für irgendwas ausgehoben, Gebeine, Totenschädel kamen zum Vorschein.
Meine Zwillingsschwester und ich, wir schwenzten ein paar Tage die Schule, vollauf mit dem spannenden Aufsammeln und Ausbuddeln von Knochen und Schädeln beschäftigt.

Das war, als ich noch eine Mutter hatte und nach Hause konnte.

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Written by monologe

30. April 2011 um 1:18 pm

Veröffentlicht in Aktuelles, Erinnerung, Humor, Kultur, Kunst, Leben, Literatur, Sprache, Träume

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