MonoLoge

In Anzug und Schuhen Walujews

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In manchen Zeitungen ist man ja bekanntlich äußerst erfinderisch am Werk, nicht weil man mit der Wahrheit konkurriert, sondern mit der Wirklichkeit.
Die Zeitung muss stets bemüht sein, mit Erfundenem, Erlogenem und übler Nachrede vor der Wirklichkeit zu erscheinen, da sie mit dem, was die Wirklichkeit bei ihrem Erscheinen später an Unwahrscheinlichkeit, Frechheit und Lüge zu bieten hat, nicht mehr konkurrieren kann.

Manchmal allerdings, wenn in der Wirklichkeit etwas erscheint wie gedruckt, braucht sie nichts Erfundenes. Dann muss sie sich keine Mühe geben und kann sofort mit der Wirklichkeit und Original-Zitaten kommen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass es erfunden sein könnte, wirkt dann weniger überzeugend als die Unwahrscheinlichkeit, dass es trotzdem wahr ist.

Einer, der die Arbeit der Zeitungen in diesem Sinn stets erleichtert, dessen Dasein aber nicht selten von jener Wirklichkeit erschwert wird, die ihn hindert, eine gute Meinung von ihr zu haben, während es dieser Wirklichkeit andersherum mit ihm genauso ergeht, ist, und man wird schon ahnen, um wen es sich handelt: Gui Westerwelle.

Es ist ganz sicher, dass niemand anderer als er selbst die Unwahrscheinlichkeit repräsentieren könnte, dass ein Westerwelle deutscher Außenminister werden kann.
Es hat ein Weilchen gedauert, bis er selbst es zu fassen vermocht hat. Aber ohne zu passen passt es jetzt ganz zu ihm, das Amt, wie Anzug und Schuhe des russischen Boxers Walujew, des Außenministers neue Kleider. Es ist eine Frage des selbstbewussten Tragens und der Würde, die bekanntlich unantastbar ist.
Und ein Westerwelle, solange wir es genießen, kann ja alles tragen.

Freilich müsste das internationale Parkett durch Laminat ersetzt werden, dann würde es noch besser passen.

Und schließlich, das wissen wir, das Volk, seit diesem Wochenende genauer, als wir es je geahnt hatten, müssten auch wir, die er uns nach außen hin vertritt, uns komplett ändern oder ausgewechselt werden, damit das Volk, also wir, besser zu ihm passt.

Denn er ist in die Offensive gegangen und hat den Spieß umgedreht. Hatte zuvor der Außenminister nicht zum Volk gepasst, passt das Volk nun nicht mehr zu seinem Außenminister.
Im Anzug von Walujew fühlt man natürlich den Punch und erst recht Kampfeslust, und so hatte die Presse weiter keine Mühe, als zum Wochenende nur noch das Zitat zu bringen:

„Ich habe große Lust, diesen gesellschaftlichen Kampf aufzunehmen und auszutragen“ sagte er.

Der Redakteur vom Dienst mag zunächst gegähnt haben, weil es noch so klang, als hätte sich das ein Lokalredakteur in jeder Kleinstadt leicht ausdenken können, denn man kennt seinen Pappenheimer am besten in Pappenheim – bis er erfuhr, worum es geht:

„Es geht darum, ob Dagegen-Parteien wie SPD, Grüne und Linkspartei die Zukunft verbauen oder ob die Kräfte des Dafür Chancen und Perspektiven schaffen.“, denn in einer „Nichts-geht-mehr-Republik“ könne der Wohlstand für alle nicht gesichert werden – und, wieder Zitat:

„Das kann so nicht weitergehen, wenn wir im globalen Wettbewerb auch in Zukunft bestehen wollen“.

Dann Punch auf Punch: die dynamische Welt des 21. Jahrhunderts sei voller Länder, deren Gesellschaften eine enorme Veränderungsbereitschaft an den Tag legten.
Frankreich meint er nicht. Sicher meint er Albanien, Dynamo Kiew und den gelben Kontinent natürlich.
Dagegen sehe er „hierzulande Anzeichen für eine skeptische Grundhaltung“, die sich ausbreite.
Hierauf, und wie um zu beweisen, welche Folgen mangelnde Veränderungsbereitschaft allemal hat, schlägt er durch diese Grundhaltung, die sich wie Stillstand ausbreitet, skeptische  seine rechte Gerade:

„Als Außenminister stelle ich mir auch die Frage, welches Zeichen wir als Land insgesamt in die Welt senden. Sind wir ein Standort der Veränderungsbereitschaft oder des Stillstands“.

Und jetzt, wie gesagt, hat er Lust, den Kampf aufzunehmen wie ein Mann und irgendwie auch auszutragen – wenigstens für Frau Merkel den Zaunspfahl.
Bevor er sich vielleicht doch ein anderes Volk sucht.

Ja, er hat den Kampf noch gar nicht aufgenommen! Doch fürchte dich nicht, halt durch, Wir-Land!
Auch fürchte dich nicht vor den Fragen Westerwelles als Außenminister, fürchte dich vielmehr vor der Frage, die du dir selbst stellen musst: welches Zeichen habe ich mit Westerwelle als Außenminister in die Welt gesandt? Will ich da nicht ein Zeichen der Veränderungsbereitschaft nachsenden?

Denke nicht, dass es irgendjemanden da draußen interessiert.

Sei nicht ängstlich, rätsele nicht, welche Gesellschaften Westerwelle gemeint haben könnte, es sind Unternehmergesellschaften. Nur diese können dir Chancen und Perspektiven schaffen, von denen die Welt träumt, denn du weißt: das Geld, das man ausgeben will, muss erst an dir und deiner Welt Erde verdient werden. Gähne nicht!

Sei nicht skeptisch, du hast recht, wenn du sagst, dass es Wohlstand für alle niemals geben wird, ebensowenig übrigens wie Sicherheit und Stillstand.

Vertraue deinem Bauchgefühl.

Vertraue darauf, dass der Karren, den du ziehst, noch immer Räder hat, die du zum Stillstand bringen kannst, bevor der Karren im Dreck stecken bleibt, und  du ihn rausziehen musst.

Fürchte dich nicht, er trägt nur Walujews Anzug und Schuhe.
Vielleicht zieht man ihn darum auf, dort in Indien, in der Türkei, Russland, da in Saudi Arabien, dem Märchen-Paradies, in dem auch unser Mappus aufatmet und die wahre Freiheit fühlt?

Sei nicht bange, du bist nicht die Vogelscheuche; du bist aber das Feld, aus dem sie ragt.

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