MonoLoge

Im Kleinstadtfest

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Wenn man bei schönem Wetter aus der „globalisierten“ großen, weiten Welt, die man im Blogger-Kopf hat, in die ortsgebundene Umgebung herabsteigt, in das, was der Politiker „vor Ort“ nennt, wenn man sich also mal an seinen alten Zöpfen hinab lässt und, ohne die erforderliche Dekompression durchzuführen, ein Kleinstadt-Fest besucht, kanns passieren, dass man sich einen heftigen Jetlag aufsackt.
Nicht in Folge von Überquerung mehrerer Zeitzonen, das wäre langweilig, sondern in Folge eines rasanten Absturzes von einer noch eine Weile sicheren „Über-Köhler-Moral-Position“ schräg hinab durch die Volksmasse und -seele, quer durch mehrere  Illusions-Zonen – in die Realität (die, das muss man allerdings sagen, durchaus nicht ungeschminkt, sondern im Gegenteil sorgfältig geschminkt, mithin reich verziert und geschmückt ist mit Piercings, Perlenschnüren, Ganzkörper- oder Hundekopf (Dobermann)-Tattoo, beliebt auch das Arschgeweih).

Es gibt zwar ganz unten keinen Aufprall oder Aufschlag auf dem Boden der Tatsachen, nein, man bleibt einfach sanft in den Tatsachen stecken, in der großen Masse, indem die eigene Masse allmählich deren Tempo annimmt : 2-2,5 km/h.
Diesen Vorgang nannte man im technischen Zeitalter „negative Beschleunigung“, heute, im Zeitalter der negativen Beschleunigung nennt man es „Entschleunigung“, womit dem Bedürfnis nach einem modernen Begriff für eine fortschrittliche negative Beschleunigung durch Digitalisierung plus Kollektivierung, vollauf entsprochen ist.
Bestes Beispiel für ein entschleunigtes „Digitollektiv“: Wir sind Lena!
Ja, neue Fachbegriffe!

Und nochmal für Fachleute:  man erfährt eine weiche Entschleunigung in der dichtesten Volksschicht bei laufendem Gegenverkehr, wobei der Grad der eigenen Entfremdung von der surrealen, unter der Realität schlummernden Wirklichkeit bei allzu plötzlicher Dekompression ohne entsprechende Anpassung den Jetlag verursacht.
Einfach hochkompliziert!
Aber schön und gut, nach und nach findet und gewöhnt man sich schließlich ein.

Und nachdem ein prinzipielles, psychosomatisches Widerstreben überwunden ist, wird man überraschend schnell heimisch, und damit verbunden breitet sich ein sehr reines Gefühl ziemlicher Hoffnungslosigkeit  aus.
Man gewinnt den Eindruck, die repräsentable Schicht ist dicker geworden, wird immer dicker – oder soll man sagen breiter?

Wollmützen im Sommer nehmen an Bedeutung zu.
Wie überhaupt die Bedeutung des Individuums als freier Träger von allen möglichen erstaunlichen Zeichen der Zugehörigkeit zu offenbar nüchtern-barbarischen Zünften und Stämmen zugenommen hat.
Man trägt allerhand fleischspießige Accessiores eingedeutschter, paramilitärischer, cooler Südsee-Folklore, und daher natürlich sehr verbreitet Farb- und Blau-Tattoos, Häute, die genauso aussehen wie früher die mit Kuli vollgegekritzelte Leder-Schulranzen.

Der Druck  zum Zeichen der Zugehörigkeit z.B. zur Insider-Wollmützentology eine Wollmütze zu tragen, die definitive Identität nach außen unter allen Witterungsbedingungen zu demonstrieren, ist oben sicher gewaltig, aber was die Füße tragen wollen, das zu entscheiden scheint ihnen frei überlassen.
Und so kann es durchaus sein, dass Kopf die Wollmütze cool findet, während die Füße sich witterungsbedingt für Floppies entschieden haben.

Setzt man dann die gute alte praktische Vernunft als 3D-Brille ein, werden die Füße zwangsläufig besser abschneiden, und, was ihre Vernunftbegabung angeht, um einiges höher angesiedelt werden müssen als der Kopf.
Es scheint, als werde der Kopf entweder nur aus alter Gewohnheit oben getragen oder der ganze Hafen ist physisch längst umgestürzt wie ein Rührkuchen aus der Form, die Leute laufen wie die Fliegen an der Decke, nur die Wahrnehmung kommt noch nicht mit – das Hirn dreht das reale Bild höchstwahrscheinlich einfach immer noch um.

Es gibt allerdings noch mehr Anzeichen für die Richtigkeit dieser Vermutung:
Steht es nicht außer Frage, dass etwa unsere Regierung vernunfts- oder gar verstandesmäßig gar nicht mehr beeinflussbar ist, geistige Produkte wie Argumente, logische Schlussfolgerung, weise Voraussicht, Sinn, Konsequenz usw. allgemein geradezu unwirksam sind;
dass ein rauchendes Hirn Reaktionen hervorruft wie früher stinkende Füße, nicht mehr dieselbe Neugier, das Interesse, die Spannung , sondern Naserümpfen, Abrücken, Unverständnis, Isolation – Mobbing?
Fällt nicht langsam auf, dass man mit den Füßen viel mehr erreichen kann, als mit dem Verstand?
Ist es nicht offenbar, dass über alles in unserer Demokratie mit den Füßen abgestimmt werden muss und das Durchregieren ansonsten immer öfter mit dem Grundgesetz unvereinbar ist, weil dieses in einem Geist und diesem verpflichtet erlassen wurde?
Und hört man nicht immer öfter, es und vieles andere werde „mit Füßen getreten“?
Gibt es überhaupt eine bessere oder andere Wendung für das, was sich in der Realität weitaus effektiver durchsetzt und die Gefahr für den Kopf treffender bezeichnet als der „Tritt“?
Und enthält der Kopf mehr als das Organ für Bildung Größe 37-48 und ein paar schuhkartongroße Leerräume für Überzeugung, Geschmack, Individualität und andere Modeerscheinungen, die sich schneller wechseln lassen als Schuhe?

Ja, die Füße oben zappeln immer schneller im Leerlauf-Galopp, der Kopf unten kommt nicht voran.
Wehe dem, dem ein Geschichtsbuch unter kommt! Er könnte sich in einem immer, immer wieder neu besetzten Dejavue finden und fragen: ist man darin lebendig oder nur untot?

Wow! Das Elend selbst gewählt, um bloß nicht zu kurz zu kommen. Welches Potential einer Eitelkeit, die sich da in zur Schau gestellter freier Geschmacklosigkeit manifestiert!

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