MonoLoge

Krieg und „Bild“-Sprache

with 4 comments

Ging man gestern morgens zum Bäcker und es lag dort „BILD“ auf dem Glastresen herum, konnte man in großen Lettern den Aufmacher lesen, dass sich Merkel „vor unseren Gefallenen verneigt “ hat. Es ist aber nicht so als vollendete Vergangenheit formuliert, sondern wie es schon Art ist, als ob es gerade getan würde: Merkel verneigt sich.
Vor unseren Gefallenen.
Es gibt also ab gestern einen ganz klaren Unterschied zu früher, eine neue Ära scheint angebrochen: Während Brandt noch in ehrendem Gedenken an Opfer nieder kniete, die natürlich niemals als „unsere“ bezeichnet worden sind, sondern ehestens als die des Nationalsozialismus, verneigt sich Merkel vor unseren Gefallenen.
Der Begriff „Opfer“ wird vermieden. Obwohl man ja sagen könnte, es sind Opfer der Taliban.
Doch was wären dann die, die bei jenem militärischen, von einem unserer Soldaten herbeigeführten, höchst fragwürdigen Angriff auf gewisse Tanklastzüge umgekommen sind? „Bis zu 160 Zivilisten“ – und ein anderes Wort gibts für diese Leute nicht? Wie kommen unsere Soldaten dazu, in Afghanistan Angriffe zu führen? Dass sie es tun, hat man hier in ihrer Heimat inzwischen begriffen.
Und ist es möglich, dass es einen Zusammenhang zwischen zivilen Opfern in Afghanistan und  „unseren Gefallenen“ gibt? Umgangssprachlich „Rache“ oder „Vergeltung“ oder „Buße“ genannt? Gibt es im fernen Afghanistan andere Ansichten zu jenen, die jetzt unsere Gefallenen sind, über die sich bezüglich gewisser Vorfälle das Empfinden einer gewisse Berechtigung  nicht gänzlich ausschließen lassen?
Vielleicht, dass dort längst „Feinde“ oder „Todfeinde“ geworden sind, die in ihrer Heimat ganz anders verstanden und angesehen und als solche geschickt wurden?
In ihrer Heimat. Wo die unsäglichen Verhältnisse jetzt umgangssprachlich Krieg genannt werden dürfen. Aus Respekt dann doch vor dem für gewöhnlich doch immer ersten Opfer des Kriegs, nämlich der Wahrheit.
Und nun erkennt man einen Zusammenhang zwischen „umgangssprachlich Krieg“ und dem „Bild“-Begriff  „Gefallene“, der in dieses Bild passt und sprachlich nach langer Zeit wieder umgeht, umgehen darf. Gewissermaßen heimatfähig geworden ist.
Wenn „Krieg“ als Umgangsform in Afghanistan in Deutschland zuvor nicht entsprechend sprachlich in Umgang gebracht worden wäre, wäre „Gefallene“ zu sagen jetzt erwünscht oder erlaubt gewesen?
Dass sich irgendwer vor den „bis zu 160 zivilen Opfern“ verneigt hätte, geschweige nieder gekniet wäre, um ihrer zu gedenken, gleichwohl Abbitte zu leisten, ist nicht bekannt geworden. Geht der Krieg weiter, ist und war es immer unschicklich, aller seiner Opfer zu gedenken. Dieses Gedenken und Verneigen kommt immer erst nach dem Krieg. Wenn die ganze Wahrheit und jede Erkenntnis sich durchgestzt hat.

Es kommt mit der Scham und mit der Reue.

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4 Antworten

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  1. Danke für Dein Interesse. Der erste, längere Satz erschließt sich mir nicht ganz, klingt wie eine Zusammenfassung von Widersprüchen meinerseits. Ungefähr so, als wäre es lediglich darum gegangen, „unsere Gefallenen“ zu Opfern zu erklären. Dagegen wäre zwar auch nichts einzuwenden, aber darum gehts durchaus nicht. Vielmehr scheint es nur darum gegangen zu sein, das am Hindukusch irgendwie „Krieg“ zu nennnen – und alle scheinen zufrieden. Und nun kann man sich vor „Gefallenen“ verneigen.
    Eine andere Erkenntnis als welche setzt sich da gerade durch?

    monologe

    12. April 2010 at 7:15 am

    • … die Erkenntnis, daß unsere wunderbare Sprache soviel Murks zuläßt. Du hast ganz richtig erkannt: Der hingeschwurbelte Satz in meinem Kommentar ergibt nicht viel Sinn. Er war gedacht als Ausdruck einer Kritik an einer Sprache, die nichts sagt, sich aber kolossal um sich selbst dreht. Ehrlich gesagt, ich hätte auch einfach schreiben können, daß ich Deine Aussage nicht verstehe, aber ahne, daß sie bloß dialektisch ist.

      Ich bewundere Menschen, die einen Gedanken auch in einem Satz ausdrücken können. Es sei Dir ein Trost, daß ich’s auch nicht kann. Nix für ungut also.

      neglectable

      12. April 2010 at 9:18 am

      • Unter den Beiträgen steht „Kommentar“, nicht „Beurteilung“, auch nicht „Denunziation“, nicht „Möglichkeit der öffentlichen Abkanzelung“, auch nicht „Raum für Geständnis, dass man nichts kapiert hat“ oder „Kann ich auch“ oder „Ich bin besser“ usw. Murks? Dann bleib einfach fern.

        monologe

        12. April 2010 at 11:28 am

  2. Okay, es sind also unsere als Soldaten umgangssprachlich gefallenen Opfer in einem nicht-unseren umgangssprachlich Krieg genannten hochsprachlichen auch zivile Opfer fordernden Konflikt am polemisierten Hindukusch. Da setzt sich gerade eine andere Erkenntnis durch …

    neglectable

    11. April 2010 at 8:53 pm


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