MonoLoge

Von der Zeit, die Geld ist

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Wenn eine Nachricht zu uns durchdringt, dann, das weiß man, wird ein öffentliches Interesse an ihr vermutet. An der Information. Neben diesen informativen Nachrichten gibt es auch Nachrichten, die mehr der weitaus interessanteren Gruppe der Meldungen zuzurechnen sind, die gemacht werden, weil in ihnen etwas Erstaunliches steckt wie Erfolg oder Aha, also Erlebnisse. Erlebnis auch für den Melder.

Oft sind sie ganz reizend naiv und rührend. Beispiel: Unteroffizier Krause meldet „Herr Major, melde, Brücke gesprengt!“. Eine Erfolgsmeldung, aber man muss außer acht lassen, dass die Brücke andererseits natürlich kaputt ist. Also: es gibt immer eine Kehrseite und es gibt immer die Erfolgsseite, die der Kehrseite mit ihrem Erfolg getrotzt hat oder dabei ist ihr zu trotzen, da sie die bekannte oberste Priorität hat.

Vor ein paar Tagen hat uns eine solche Meldung erreicht, indem mitgeteilt wurde, es werde jetzt daran gegangen, afghanische Taliban in die Gesellschaft zu integrieren. A-haaah!! Das hörte sich gut an. Genau. Irgendwie vertraut.
Man fragt sich: wieso auf diese Lösung erst jetzt gekommen? Die Antwort ist einfach: Das arme Luder wurde auch in Afghanistan entdeckt und diese Entdeckung musste erst anerkannt werden, bevor ihm als erster Schritt in die richtige Richtung die entsprechende Lösung zugeordnet werden konnte.
Jetzt wird die Lösung leichthin exportiert und vor Ort auf das arme Luder angewandt, bevor die nächste Generation arme Luder umgekehrt dann ihr zugeordnet werden können auf Antrag usw.
Zukunftsmusik!

Das arme Luder, das entdeckt worden ist, das ist der Taliban, der, wie es heißt, „aus materiellen Gründen“ Taliban geworden ist. Ahhh-ja! Damit kennen wir uns aus.
Materielle Gründe erscheinen uns begreiflich dies und das zu tun und je nach dem auch Taliban zu werden. Entsprechend diesem Begriff wird dem armen Luder in Afghanistan jetzt die Gelegenheit geboten, als kein echter Taliban anerkannt zu werden. Bedingung ist die materiell orientierte Bereitschaft aufzuhören und auszusteigen.
Daran ist einiges neu.
Zunächst das Angebot selber, indem es gemacht wird, während das arme Luder noch allen materiellen Grund hat, der Profession des Talibans nachzugehen. Nach unserem Verständnis also ein lukrativeres Angebot derer erwartet, gegen die er kämpft.

Zweitens wissen wir aus eigener Erfahrung mit nationaler Versöhnung, dass es, wenn man hinterher fragt, keiner gewesen ist. Das ist zwar ganz praktisch, steht aber oft in einem gewissen Widerspruch zu dem, was Akten, Dokumente, Filme und Bilder nachher aussagen, wonach es vorher fast jeder sein wollte oder, vorsichtiger ausgedrückt, nicht zu wissen schien, dass er es gewesen sein wird. Man muss diese Akten, Fotos usw. aber ersteinmal haben. Was voraussetzt, dass derlei jemals angelegt worden ist.
Ziemlich viel Vollendung also. Der Tatsachen. Dabei und danach.
Es ist allerdings nur schwer vorstellbar, dass die Taliban Akten führen, Einsatzberichte anfertigen, Bewerbungen mit Lichtbild abheften usw. – ideale Voraussetzung für nationale Versöhnung und Integration auf einer wirklich verlässlichen Basis. Ein Extra-Taliban-Aussteiger-Programm ist deshalb ein wenig schwer verständlich, wenn man nicht davon ausgeht, dass das Einsteigen in dieses Aussteiger-Programm nicht das Aussteigen aus einem Einsteiger-Programm bedeutet, das mit Einmarsch begann.

Drittens kannte man als wirksame Aussteiger-Programme während der Weltkriege – mit Betonung auf „während“ – bisher nur „Hände hoch!“ in allen Sprachen und natürlich Totmachen auf jede denkbare Art, die eine Kriegswissenschaft- und Industrie als jeweils praktische Möglichkeit bieten konnte. Aussteiger-Programme aus der Verantwortung dagegen sind bekannt und geläufig.

Neu ist auch das im Angebot enthaltene „aus materiellen Gründen“, also deren ausdrückliche Anerkennung.
Bisher galten materielle Gründe, Schandtaten zu begehen, immer als besonders niedrig. Traditionell. Wenigstens solange es noch andere Gründe gab wie etwa Ruhm und Ehre, Kaiser, Gott, Vaterland.
Das hat sich geändert. An deren Stelle ist die Firma getreten, der Job.
Wie das Leben in materieller Abhängigkeit von der Gier alle Niedrigkeit rechtfertigt, einbezieht und verpflichtet, ist der niedrige Beweggrund legitim geworden.
Er entspricht heutzutage sehr oft und ganz natürlich sowohl den niedrigen als auch den großen und sogar den guten Taten. Die Tat selbst wird kaum noch nach den Beweggründen beurteilt.
Aber das ändert sich vielleicht auch schon wieder, indem es schwieriger wird, in den Genuss eines niedrigen Beweggrundes zu kommen, also einen unanständigen Auftrag zu ergattern und anständig dafür bezahlt zu werden.
Die niedrigen und sinnlosen Taten könnten daher zunehmend sozialpolitisch motiviert sein – und verwerflich werden, d.h. ohne jede Bezahlung und/oder aus Wut, Verzweiflung, weil man auf dem Markt an keine kommt. Das nur nebenbei gesagt.

Scheint also nichts Besonderes, wenn der Taliban aus materiellen Gründen das Taliban-Sein aufgibt. Wenn er zwischen zwei Angeboten das attraktivste wählt.
Geht also zu seinem Taliban-Arbeitgeber, zu dem, der nicht aus materiellen Gründen Taliban ist, sagt „Chef, mein Antrag ist durch, wenn ich aufhöre, krieg ich sogar mehr Geld.“ Chef: „Ahh! Raus aus dem Dreck. Freut mich! Gratuliere!“, wie?
Haben bisher noch nie über Religion usw. gesprochen, beten nun aber nochmal zusammen, um ihrem Gott zu danken, dass er dies und das erhört hat? Oder?
Das hätte so manchem deutschen Soldaten, der mit Gott für 1,50 Mark am Tag seinen Kopf vor Verdun hinzuhalten die Schnauze voll hatte, besser gepasst als die Wahl zwischen sinnlos weiter machen oder wegen Wehrkraftzersetzung, Fahnenflucht, Desertation, Feigheit vorm Feind erschossen zu werden für einfach nach Hause gehen, Ernte einbringen. Und der hatte den Glauben längst verloren!

Interessant also der geistige Ansatz, in Bezug auf die Taliban selbstverständlich die sympathisch naive Erwartung zu postulieren, er werde ebenso selbstverständlich jeden, der sich aus „materiellen Gründen“ auf seine Seite schlug, mit den besten Wünschen gehen lassen, wenn er kriegsmüde etwas „Vernünftigeres“ vorhat, als Krieg gegen – ja, wogegen? Gegen die allgemeine Wehrpflicht?
Oder Kampf um – ja, was? Demokratie? Jeder gegen jeden, „Reise nach Jerusalem“? Um Integration und Teilhabe?
Interessant.

Taliban sollen gesagt haben „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.“, scheinen offenbar wenig Lust zu haben, in die Reservation zu gehen.
Und das arme Luder? Das sich wünscht in Frieden gelassen zu werden und einen Wohlstand zu haben, ein Dach über den Häuptern seiner Lieben und ein kleines eignes Geschäft? Der nun die Wahl hat, Kollaborateur zu werden oder Erzfeind zu bleiben?
Der afghanische Finanzminister hat verkündet,  er sehe in der Korruption, nicht im Terrorismus, die größere Bedrohung für Afghanistan.
Korruption, die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln?
Das Vorhaben, Demokratie in Afghanistan einzuführen, sei aufgegeben worden, wurde gemeldet.
Die Zeit, die Geld ist, verlieren die Taliban.

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Written by monologe

6. Februar 2010 um 6:56 am

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