MonoLoge

Almanach

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In hundert Jahren werd ich nicht mehr sein,
Das ist gewiss.
Nicht einmal mehr mein wirklich erstklassiges Gebiss
Wirds dann mehr geben.
Man geht nunmal dahin,
Wie alles, was geboren.

Was ich gewesen bin?
Verloren!
Armer Teufel, Dichter, dummes Schwein,
die werden alle ewig weiter leben;
Der Mensch – da kann man nicht so sicher sein.

 

©Martin Klingel 2016

Written by monologe

26. August 2016 at 12:02 pm

Veröffentlicht in Gedicht, Kunst, Leben, Literatur, Realität, Sprache

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Zustand, aber Ausnahme?

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„tagesschau24“ meldete heute:

Türkei: Erdogan verhängt dreimonatigen Ausnahmezustand.“,
Sekunden später:
Ausnahmezustand in der Türkei: Steinmeier fordert Begrenzung auf möglichst kurze Zeit.“,
der DONAUKURIER ergänzt: „…dann müsse er unverzüglich beendet werden.
außerdem:
Bei allen Maßnahmen, die der Aufklärung des Putschversuchs dienen, müssen Rechtsstaatlichkeit, Augenmaß und Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben.

Beschränkung auf möglichst kurze Zeit, gar unverzügliche Besinnung darauf, was Rechtsstaatlichkeit, insbesondere nicht die nach „Augenmaß“, ist von Steinmeier zu fordern scheint immerhin verhältnismäßig aussichtsloser.

Written by monologe

21. Juli 2016 at 12:32 pm

Inspiration

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Wahrscheinlich unmittelbar beeinflusst, inspiriert von „Die Mittagsbrezel“ des Bloggers Gerhard Mersmann, Form 7, hat sich heute Morgen folgendes zwischen zwei mir nahestehenden Menschen, Inhaber einer harmonischen Beziehung, abgespielt:

7:20 Uhr
Er (nachdem er seine Kaffeetasse an diesem Morgen selber weggetragen und ausgespült hat, was er sonst so gut wie nie tut):
Ich weiß, du hattest heute Morgen einige unsere Beziehung förderliche Aktivitäten zu unternehmen vor (sie lacht), das hab ich schon gemerkt, ich musste doch aber aufstehn. Für heute Morgen schon um Acht hat sich doch die Birte angemeldet.
Sie:  Aha.
Er:  Das hatte ich dir doch gesagt –
Sie:  Ja, erinnere mich schwach, im vorigen Jahr, vor zwei Jahren, dass du da –
Er:  Quatsch, da hab ichs ja noch gar nicht gewusst, dass sie heute – ach so. Ja, siehst du, genau, da kam sie auch, erinnere mich.
Sie:  Halb Acht.
Er:  Jaja, das schmeißt mir alles durcheinander. Okay, ich geh und präparier mich mal. (verschwindet im Bad)
Sie:  Was will sie denn?
Er:  (aus dem Bad) Schie bringt ihr Auto zur Durchsicht, kommt dann halt mal vorbei. Bringt wieder paar von die guten Eier mit.
Sie:  Eh-hm.
Er:  (Fertig) So. Zwanzig vor Acht. Kann ich ja noch schnell was lesen. (Laptop, während sie frühstückt, liest er) Haha –
Sie:  Was issn das?
Er:  Kann – ich dir – jetzt – auf die Schnelle – aber wieder – seeehr – interessant –
Sie:  Na, ich geh gleich auch los.
Er:  Bin gleich soweit – ha, die Kommentare immer –
Sie:  Ich geh los.
Er:  Kurz vor Acht. Kleinen Augenblick noch – das hat mich auf was gebracht.
Sie:  Jetzt das Lesen?
Er:  Genau. Heute kann den Leuten was geboten werden. Wart mal, bis die Birte klingelt.
Sie:  Nö, ich will ja vorher weg sein, sonst –
Er:  Also tschüss schonmal – (ein Abschied mit größtmöglichem Aufwand an ritualisierten Sympathie- und innigen Zusammengehörigkeitsbezeugungen zum Beweis, dass sich keine Abneigung, kein Ekel entwickelt hat. Es klingelt)
Sie:  Also tschüss dann, machs gut –
Er:  Jaja, ich komm ja mit.
Sie:  -?
Er:  Du gehst hinten raus, ich lass vorne die Birte rein – wenn das einer sieht. Das wird den Leuten gefallen. Das sieht gut aus.
Sie:  Ja, sehr schön – machs gut.

Written by monologe

1. Juli 2016 at 11:52 am

Veröffentlicht in Aktuelles, Anekdote, Humor, Kultur, Leben, Literatur, Realität, Sprache

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Idyll

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Nirgendwo,
wo ich lebe,
diesJenseits,
ein Ort,
wo ich die Luft bin
mir zum Atmen,
mein Leben zum Trinken
mir das Wasser
ist.

Wenn es nach denen hier ginge,
Gleichgültige,
Gleichmacher,
hätte ich kein Gedicht
in der Not,
in der es kein Wort gibt,
weil es ein Wort gibt,
keinen Blick,
weil es einen gibt:
leuchtend leer.

Aus dem Grauen wanderte ich ein
ins Menschenmorgenflaugrau
des bunten Einheitsglücks
Idyll mit Plüschbürger,
tapetenhäutige Hasser,
Mimen der Wilden
aus den am Himmel
aufgezogenen Regenwäldern.

©Martin Klingel 2016

Written by monologe

28. Juni 2016 at 8:28 am

Brex it

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Remember when you were young you shone like the sun
Shine on you crazy diamond
Now there’s a look in your eyes, like black holes in the sky
Shine on you crazy diamond
You were caught in the cross-fire of childhood and stardom
Blown on the steel breeze
Come on you target for faraway laughter
Come on you stranger
You legend, you martyr, and shine

You reached for the secret too soon
You cried for the moon
Shine on you crazy diamond

Threatened by shadows at night and exposed in the light
Shine on you crazy diamond
Well you wore out your welcome with random precision
Rode on the steel breeze
Come on you raver, you seer of visions
Come on you painter
You piper, you prisoner, and shine

Nobody knows where you are, how near or how far
Shine on you crazy diamond
Pile on many more layers and I’ll be joining you there
Shine on you crazy diamond
And we’ll bask in the shadow of yesterday’s triumph
And sail on the steel breeze
Come on you boy-child, you winner and loser
Come on you miner for truth and delusion, and shine!

Pink Floyd

Written by monologe

25. Juni 2016 at 5:51 pm

Aphorismus – 51

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Meist kann nur eine Epidemie uns die Ansteckung auslösen.

Written by monologe

13. Juni 2016 at 5:16 pm

Die „Causa Böhmermann“

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Die „Causa Böhmermann“,
ein alter Hut, in dem der Staatsanwalt offenbar noch immer nicht das gefunden hat, was sich da herausziehen lässt, war nach Böhmermanns „Sendepause“ und der darauf folgenden Bekanntmachung seiner darin gewonnen Erkenntnisse als Kapitel für sich immer noch interessant.
In dieser nicht demokratisch, sondern von Böhmermann selbst frei gewählten „Sendepause“ sei, sagte er, „die Fresse“ zu halten das Schlimmste gewesen.
Das scheint die erste selbstschließende „Fresse“ auf dem Markt nach Einführung selbstschließender Kofferraumklappen.
Ja, die „Fresse“, Schnauze war früher. Nun kommt erst die Fresse, dann die Moral.

Böhmermann, zweifellos ein klassischer deutscher Kasper, ein Zyniker auf den Zynismus, der mit dem Format der FlachbildGuckkästen und der dazu passenden 2D-Dauerkirmes davor auch monströses Format angenommen hat, schleckt sich selbst die Satire allmählich heran. Aber ob Satire auf einen so äußerst beliebten und berühmten, singenden VollvolkSatiriker erlaubt ist?
Womöglich macht man sich damit genauso unbeliebt, ja, unmöglich wie mit Initiierung gewisser Resolutionen?

Der „Zeit“ gab Böhmermann ein Interview:
Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht„.
Man hätte meinen können, eine Kanzlerin, und besonders diese unsere, wackelt nicht. Sie hat auch nicht gewackelt, sie wurde Wachs vor der Beleidigung Erdogans, aber weichen vor Böhmermann werden beide nicht.
Es sieht vielmehr so aus, als ob allerhand Böhmermann wackelt, nicht nur, weil etwa Privatsender winken, sondern weil Böhmermann die Aura eines Wackeldackels hat wie Erdogan die eines Droschkengauls.

Die Freiheit, Meinung zu machen, und die, die man nicht gemacht hat, zu denunzieren oder zu unterdrücken, ist ein hohes Gut. Das sagen alle Medien.

„Filetiert“ worden zu sein war ein ganz falscher Eindruck Böhmermanns.
Zum Tee wird niemals Filet serviert, auch kein falsches.
Böhmermann ist ein RiesenScherzkeks und von der Kanzlerin wahrscheinlich gestückelt, vielschichtig, nicht filetiert, sondern in Scheiben geschnitten als Kalter Igel (auch Kalter Hund oder Kalte Schnauze) wie zum Kindergeburtstag dem „nervenkranken Despoten“ zum Tee serviert worden.
Das sollte Böhmermann übers AnscheißenWeilMansKann doch wissen: die Kanzlerin war so frei, Ansicht und Meinung des „nervenkranken Despoten“ zu teilen, ihm bei Tee mit kalter Schnauze aus Scherzkeks die Gelegenheit zu bieten, sich im Sinn des §103 innig beleidigt zu fühlen.
Sie hatte beschlossen, der Böhmermann soll auch was davon haben, gab ohne Wackeln nach und „ermächtigte“ den Staatsanwalt, mit der Beleidigung an der Hand hinabzusteigen in die Gruft, wo der Hund als Paragraph begraben liegt und die Majestät spukt.
Dort unten lässt sich für die neuen Gespenster der alten Geist beschwören, und wenn er vor ihnen erscheint, ist zu entscheiden, ob er reanimiert werden und wieder zupacken soll.
Es ist auch das durchaus ein satirisches Spektakel und gehört zum Gesamtkunstwerk.

Man darf annehmen, dass durch den §103 in Exzellenzen das Gefühl, eine Majestät zu sein und sich im Sinn des § als solche auch beleidigt fühlen zu dürfen, nicht nur gefördert, sondern erst geweckt wird, sich entfaltet und auffliegt, und dass dieses Gefühl von einer Größe ist, die alle etwaigen Gefühle (besonders eines „nervenkranken Despoten“ gegenüber der Freiheit eines Böhmermann, die Meinung zu haben, dass er etwas sagen dürfe, wenn er zuvor einräumt, dass ers nicht sagen darf und niemand sonst) mehr als entbehrlich macht.

Im übrigen kann weder Despoten noch Kanzler*innen irgendein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn sie den §103 auf Zuständigkeit für ihre Meinung von Hoheit und Majestät und als solche beleidigt worden zu sein überprüfen lassen, solange dieser § noch existiert und weil er existiert.
Noch vor ein paar Tagen schien dieser § zwar heute schon überflüssig, ein schneller, salomonisch weiser Beschluss bestimmte aber, dass er im Moment systemrelevant und alternativlos ist und erst 2018 abgeschafft werden soll.

Man denkt nicht darüber nach, einen Regierungssatiriker anzustellen.

Auch der Kaiser dürfte seinerzeit nicht im Traum daran gedacht haben, sich für den satirischen Ernstfall einen beamteten Gegensatiriker zu halten; die Bundesregierung hält sich bisher nur einen Deutschlandsender – oder dieser hält jene, alles ganz unverbindlich -, aber da gibts höchstens ein bisschen phrasierte Ironie und öffentlich-gestisches Getu für ein imaginäres Publikum, also die „Menschen “, die dankbar sind für jede emotionale MeinungsAnimation, aber es gibt keine Satiriker schmerzende GegenSatire.
Mit dem §103 hat die Bundesregierung nun immerhin etwas wie einen anachronistischen echten Schupo von der Sorte „Wenn Se wissen wolln, wat lustig is, sinds se bei mir jenau richtig – nee, det Denken überlassen Se mal den Pferden.“, der nichts kostet und den sie natürlich so schnell auch nicht loslassen will.

Sollte Böhmermann also zwei Jahre kriegen, dann wäre dieser § plötzlich und „unerwartet“ ein höchst erfolgreicher Paragraph, nicht nur deshalb, weil Böhmermann dann volle zwei Jahre „ Fresse“ und „Schnauze“ halten müsste, sondern hauptsächlich darum, weil dieser § anwendbar gewesen ist und darum nicht überflüssig sein kann.

Zu all dem haben Erkundungen ergeben, dass von einer Anzahl in Deutschland lebender Türken „im hohen dreistelligen Bereich“ gleich Erdogan Anzeige erstattet worden ist!
Was genau da angezeigt wurde – eine Beleidigung Erdogans?, dass man selbst beleidigt wurde? -, ist leichthin unbekannt geblieben, selbst Frau Will hat vermutlich in Rücksicht auf die seelische Verfassung des alter ego Beleidigten neben ihr gekonnt nicht nachgefragen wollen.
Doch bedeutet diese hohe dreistellige Anzahl von Anzeigen gegen einen Beleidiger Vervielfachung und Druck durch eine Art Treue, die in der Kaiser- und Blütezeit* des §103 in Deutschland unbekannt war und daher nicht erfasst werden konnte, denn man kannte seinerzeit nur Nibelungentreue.

Im aktuellen Fall wurde, falls jemand fragte, gelegentlich sogar die freie Meinung geäußert, es sei sogar das ganze türkische Volk beleidigt worden gemeinsam mit dem „nervenkranken Despoten“.
Warum also den §103 nicht gleich zuständig machen für ein Volk, wenn es sich als ego ihrer Hoheiten, Exzellenzen und Oberhäupter ebenso beleidigt fühlt? Es würde den Hoheiten die erniedrigende Mühe ersparen, die Anzeige selbst vorzunehmen.

Die Anzeige wegen Beleidigung ist für die Getreuen einer Exzellenz Majestät natürlich unvermeidlich, weil sie wissen, Ihre Exzellenz Majestät wird die Häupter seiner Getreuen im Ausland zählen.
Da möchte keines fehlen.
So ist zwar ebenso unvermeidlich, dass der Geheimdienst des Landes des Beleidigers Gelegenheit bekommt, die Häupter der jeweils 5. Kolonne zu zählen; doch ein Schelm, wer im Fall Erdogan an sowas denkt und vergisst, dass der Geheimdienst bei uns andere Sorgen hat.

Jedenfalls der §103 muss womöglich in Würdigung dieser Erdoganentreue novelliert werden.
Meint also sie*er, eine ihr*ihm in der fernen Heimat nahestehende Hoheit sei beleidigt worden und es handele sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die*der sollte frei die Anwendung des §103 fordern dürfen, genauso wie etwa Böhmermann Satire, Karikatur, Kasperstück zur Anwendung bringt in der freien Meinung, dass sein Werk ohne Zweifel eins von den dreien ist und eine Beleidigung im Sinn des §103 dadurch ausgeschlossen!
Das alles bildet eine moderne harmonische Echtzeit KulturEinheit und Bildung ist wichtig.

Nun Böhmermann ein deutscher Ai WeiWei? Ai WeiWei demnach ein chinesischer Böhmermann?
Zwischen einem, der zeigt, was man nicht machen darf, obwohl mans kann, und einem, der zeigt, was man machen soll, wenn mans kann – zwischen solchen besteht ein Unterschied wie der zwischen einem, der der Welt zeigt, was eine Harke ist, und einem, der der Welt zeigt, was eine Gießkanne ist.
Es gibt speziell für die Kanzlerin keine Möglichkeit, aus Böhmermann einen deutschen Ai WeiWei zu machen.

Zu einem Au WeiWei wirds vielleicht reichen – wenn die deutsche Satire alle Augen zudrückt.
Ein deutscher Kasper hat nur die Möglichkeit, die Rolle des Karagöz zu übernehmen – bestenfalls -, des TürkenKaspers, und als solcher dem Erdogan zu zeigen, was eine Harke ist.
Doch als Karagöz hätte er den Erdogan zitieren müssen.

Ein Kasper, gleich welcher Nationalität, ist stets aktuell und hat das Gedächtnis eines Elefanten, ohne das es bei der Satire nicht geht:
Vor gut einem Jahr hat Erdogan zum (wieder aktuellen) Thema „Völkermord an den Armeniern“ verkündet, Völkermord, das sei ein so schlimmes Verbrechen, dass es die Türkei gar nicht begangen haben könne.
Was bräuchte ein Satiriker Böhmermann denn für seine Fresse noch, als dass ihm eine Beleidigung Erdogans gleichwohl als ein so schlimmes Verbrechen erscheint, dass er es gar nicht begangen haben kann?

Aber Essig. Nun heißt es Tee trinkend abwarten, ob es der Böhmermann durchaus begangen haben kann.
Das, worauf er den Anspruch der Meinungsfreiheit erhebt, könnte eben gerade noch so durchschlüpfen. Mehr Anspruch hat es nicht.
Dass irgendein Gericht ein paar Zeilen von seinem Schmäh konfisziert hat, bedeutet auch nichts weiter, als dass Pferdefleisch aus einer Lasagne geklaubt wurde. Wenns nun noch immer spannend erscheint, wie der „Ermächtigte“ entscheiden wird – mehr könnte man nicht verlangen.

*Die „Causa“ bietet immerhin Anlass, an einen aus der Blütezeit der Majestätsbeleidigung zu erinnern, der nach Verbreitung zweier satirischer Gedichte auf Kaiser Wilhelm II (dieser 1901: „Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr.“), welche er auf dessen pompöse „Reise ins Heilige Land“ 1898 geschrieben hatte, zunächst nach Paris fliehen musste, aber schon 1899 nach Deutschland zurückkehrte und prompt wegen Majestätsbeleidigung zu einem Jahr Festungshaft verurteilt wurde.
Davon saß er bis zur Begnadigung ein halbes Jahr in der Festung Königstein ab:
Frank Wedekind (1864-1918).

Erstaunlich, wie aktuell er ist:

Des Dichters Klage

Schwer ist’s heute, ein Gedicht zu machen,
Darum läßt man es am besten sein;
Wenn die Menschen wirklich drüber lachen,
Sperrt man den Verfasser meistens ein;
Wenn sie sich jedoch in Tränen winden,
Dann verhungert schließlich der Poet,
Deshalb wird man es begreiflich finden,
Daß die Poesie zugrunde geht.

Niemand weiß die Freiheit so zu schätzen
Wie der Dichter oder Redakteur;
Wenn sie ihn in das Gefängnis setzen,
Schreibt er manchmal überhaupt nichts mehr.
Statt in die Geschichte der Kalifen
Oder in die Dame, die er liebt,
Seine schöne Seele zu vertiefen,
Fängt er Fliegen, wenn es welche gibt.

Ließe sich die Allmacht doch erweichen,
Die den Menschen mit dem Fluch bedacht,
Daß er immer über seinesgleichen
Witze, Dramen und Novellen macht!
Zählt die Zuchthaus-Jahre man zusammen,
Die von lyrischen Gedichten her
Und von ähnlichen Verbrechen stammen,
Ein Jahrtausend gibt es ungefähr!

In der Politik, das muß man sagen,
Geht ja freilich alles wie geschmiert:
Unsre Größe liegt der Welt im Magen,
Und damit man gänzlich nicht verliert,
Bleiben Schweine dauernd ausgeschlossen,
Weil man ohnehin genug versaut. –
Fröhlich schnarchen Mirbach und Genossen
Wie vorzeiten auf der Bärenhaut.

Schade nur, daß wir nicht vorgeschritten
In der Politik wie Rußland sind;
Unsre Leute muß man immer bitten,
Bis man ihnen etwas abgewinnt.
Dort hingegen braucht man nur zu sagen:
Liebe Kinder, macht die Börse breit,
Sonst wird euch der Kopf vom Rumpf geschlagen!
Käm‘ es endlich auch bei uns so weit!

War nicht Bismarck doch ein arger Stümper,
Daß er stets dagegen sich gesträubt?
Wolle Gott, daß nichts von seiner zimper-
Lichen Staatsraison am Leben bleibt!
Nichts als Nörgler hat er uns geschaffen,
Von dem kindlichsten Vertrauen voll;
Dabei stritt er sich sogar mit Pfaffen!
Ist ein solcher Mensch nicht grauenvoll?

Doch ich weiß uns Rat aus der Bedrängnis:
Laßt den Reichstags-Kasten nur in ein
Majestäts-Beleidigungs-Gefängnis
Umgebaut und umgewandelt sein,
Dann sind wir erlöst von allem Bösen;
Tierisch vegetiert des Volkes Sinn,
Und ich bleibe, wie ich stets gewesen,
Ihr devoter Dichter
Benjamin

+

Der Zoologe von Berlin

Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen
Einem Zoologen in Berlin!
Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen
Vor den Untersuchungsrichter hin.
Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,
Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet
Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,
Daß beleidigt er die Majestät.

Dieser sprach: »Herr Richter, ungeheuer
Ist die Schuld, die man mir unterlegt;
Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer,
Hat noch nirgends Ärgernis erregt.
Soweit ist die Wissenschaft gediehen,
Daß es längst in Kinderbüchern steht.
Wenn Sie das auf Majestät beziehen,
Dann beleidigen Sie die Majestät!

Vor der Majestät, das kann ich schwören,
Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
Ja, es freut mich oft sogar zu hören,
Wenn man den Beleidiger entdeckt;
Denn dann wird die Majestät erst sehen,
Ob sie majestätisch nach Gebühr.
Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,
Zweifelsohne doch ein Säugetier.

Ebenso hab vor den Staatsgewalten
Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt,
Auf Kommando oft das Maul gehalten
Und vor Anarchisten ausgespuckt.
Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,
Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.
Aber deshalb kann ich von den Schweinen
Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.

Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter,
Unbegrenzten menschlichen Respekt!
Läßt du doch die ärgsten Bösewichter
In Berlin gewöhnlich unentdeckt.
Doch wenn hochzurufen ich mich sehne
Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,
Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?
Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?«

Also war das Wort des Zoologen,
Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;
Und nachdem man alles wohl erwogen,
Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein jeder, wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung.

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